Grünbachers Kirchgänge – Erster Brief

Mein lieber Hans!

Ich sitze im Goldenen Hirschen beim Frühschoppen und muß Dir sogleich berichten: gerade eben hat mich in der Messe sozusagen fast der Schlag getroffen, in Form einer Fanfare, einer doppelten sogar im bildlichen Sinne, auch wenn das Bild ein eher unhygienisches ist, wie Du gleich sehen wirst. Ich habe jedenfalls außer zu beten, heute zum ersten Mal in einer Messe regelrecht hermeneutikt!

Hermeneutik war ein mir lange fremdes Fremdwort, was aber nicht das schlimme daran ist, man kann sich das ja von jemand oder in dem Google erklären lassen. Nein, das Schlimme ist, daß es aber nun in der Kirche wegen dem Konzil, das jetzt 50 ist, gleich zwei solchene Hermeneutiken gibt, wie man hört. Der Papst höchstselbst hat eine Hermeneutik der Reform in Kontinuität konstatiert. Andere behaupten eine solche des Bruches. Die einen sagen, die Tradition lebt weiter. Die anderen sagen, nach dem Konzil, hätten wir eine neue, andere Kirche bekommen und die Tradition sei abgeschafft. Aber was, werter Hans, stimmt jetzt genau?

Da ich vor dem Konzil zu jung war für einen persönlichen Vergleich und auch feststellen mußte, daß meine Zeitzeugen hier widersprüchliches sagen, der Müller findet jetzt vieles besser und der Huber alles schlechter in der Kirche und der alte Heinrich, Du kennst ihn ja, erinnert sich nicht mehr wirklich dran. So grübelte ich weiter darüber, umsonst.

Heute aber in der Messe, jetzt halt Dich fest! – bin ich wie aus heiterem Himmel plötzlich höchst daselbst sozusagen in die Materie hineingehermeneutikt worden! Das kam so. Da ich spät dran war, und der Ederer seine Schwiegermutter dabei hatte, war mein Stammplatz besetzt, so daß ich notgedrungen neben dem Drechsler zum sitzen respektive stehen oder auch knien kam, das ist der, der sich in jeder Messe dermaßen laut schneuzt, daß es einem schon von weitem ins Hirn fährt, aber das hatte ich zunächst vergessen.

Als ich also kurz vor der Kommunion in der geziemenden Andacht begriffen war, trompetete es schrill und laut in mein rechtes Ohr, so daß meine Andacht jäh unterbrochen wurde und als ich mich dieser wieder zuwenden wollte erwischte mich volles Rohr die zweite Trompetensalve vom Drechsler. Erst hätt ich ihm beinah was höchst unfrommes gesagt. Aber dann, alter Schwede, hatte ich das, was der alte Grieche einen Heureka – Effekt nennt!

Des Drechslers Schneuzen, das war ganz eindeutig ein Bruch gewesen, beide Male sogar! Der Drechsler hat ihn verursacht und ich habe ihn dann hermeneutikt! Was dir leicht einleuchtet, wenn du dir denkst, daß der Drechsler sich so lang und laut schneuzt, daß es klingt wie ein Elefant in der Brunftzeit mitten in die Stille hinein und du wirklich fast zusammenbrichst.

Aber damit nicht genug. Schlagartig fiel mir ein, daß der Drechler das ja immer so macht, in jeder Messe, jahrein, jahraus, seit er in diese Kirche geht und dazu noch zum selben liturgischen Zeitpunkt während des Embolismus, was zu der Trommelfellembolie paßt, die er einem verursacht wenn man neben ihm sitzt und nicht aufpaßt. So mußte ich also obendrein auch gleich noch eine Kontinuität dazu hermeneutiken. Ich schielte hinüber zum Drechsler und sah, wie er nach einem peniblen Vorgehen sein kariertes Taschentuch zusammenfaltete, und erinnerte mich, daß er das schon vor Jahren genauso umständlich und ausladend gemacht hatte, wie jetzt. Vor meinem inneren Auge, passierte ich revue den ganzen Ablauf von Drechslers Schneuzzeremoniell, wie er sich erst räuspert und dann die Brille abnimmt, dann zum Tuch in seiner Hosentasche greift u.s.w. Das ist schon fast rubrizistisch, sag ich Dir, eine eherne Tradition. Und da mich das ganze demonstrative Getue schon damals genervt hat, war klar, daß es sich um eine sogar vielfach glasklare Kontinuität handelt, zumal der Drechsler diese Trompeterei hundertprozentig niemals bleiben lassen wird solange er da ist! Nur hatte er damals ein geblümtes gelbes Taschentuch statt dem karierten, wodurch sogar das mit der Reform unter Wahrung der Tradition hermeneutikbar scheint! Dennoch blieb aber auch der Bruch bestehen, weil es mich ja fast aus der Bank gebrettert hat bei dem seiner Schneuzerei.

Nachdenklich sinniere ich darüber nun bei meinem Schoppen. Man kann, was den Drechsler betrifft, die Sache so oder so oder so sehen, aber eines ist auch sicher: eine Hermeneutik des Bruches in Kontinuität mit der Tradition kann es in der Kirche nicht geben, schon rein logisch. Du siehst, lieber Hans, die Sache bleibt mir schwierig, ich werde sie weiter betrachten und Dir berichten.

Ich schließe, die Bedienung kommt mit dem Frühstück! Nächste Woche gehe ich jedenfalls erstmal wieder ohne jede Hermeneutik zur heiligen Messe und werde mich weit weg vom Drechsler setzen und das tun, was ich sonst auch immer getan habe und wozu ich ja dort bin. Beten und unseren Herrn verehren, so gut ich kann. Das Hermeneutiken macht einen ja ganz schwindlig dabei.

Prost und Servus, lieber Hans

herzliche Grüße und Gottes Segen!

Dein Ludwig

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