Grünbachers Kirchgänge – Zweiter Brief

Lieber Hans,

nachdem es mir gelungen ist, den Vorsatz, mich heute in der Messe des Hermeneutikens zu enthalten, sogar als der Drechsler wieder zweimal trompetete, schritt ich guter Dinge gen Ochsen. Da kam auf dem Trottoir die Christa Sallmann des Wegs, eine flüchtige, jedoch aber sehr charmante Bekannte. Die fragte mich auf den Kopf zu, ob ich denn immer noch jeden Sonntag in die Kirche gehe, mit so einem schulterklopfenden Lächeln, daß das schon okay ist, nach dem Motto jedem Tierchen sein Pläsierchen, was heutzutage ja ein schon eher netter Umgang mit unsereinem ist. Sie selbst ist getauft und gefirmt, hat aber, wie sie mal sagte, seit der Jugend nichts mehr mit der Kirche am Hut – heute trug sie einen gelblichen- und so versuche ich bei Gelegenheit immer wieder, sie zum mitkommen zu ermuntern, und sie schien mir so abgeneigt nicht, sie ist eine neugierige Frau, auch im guten Sinne. Doch gekommen war es nun so:

Gestern war sie zur Hochzeit ihrer Tochter seit Jahrzehnten erstmals wieder in einem Gottesdienst und berichtete, wie alle bei der Ringzeremonie gerührt waren, sie zu Tränen und was es dann genau zum Essen gab u.s.w. Unvermittelt aber sah sie mich fragend an, und sagte: „Das ist ja alles total anders geworden in der Kirche!“ anscheinend von mir als vermeintlichem Experten eine Erklärung erwartend. Ich fragte, was sie denn meine. Ja, der Pfarrer habe geredet wie eine Melange aus Entertainer und Sozialarbeiter. Gescherzt habe er immer wieder und dazwischen war er irgendwie pastoral und hat immer geschaut, wie das so ankommt, das habe so komisch einstudiert gewirkt, sei aber auch ganz lustig für die Leute gewesen. Wie so ein neumodischer Standesbeamte im Priestergewand sei er gewesen und die Schwägerin sagte ihr, daß er immer so sei. Erst beim Anstecken der Ringe war es plötzlich ernst. Und dann habe da noch eine weibliche Person im Altarraum herumhantiert und den ein oder anderen Sinnspruch aufgesagt, Frau Sallmann wollte wissen, was es denn damit auf sich habe. Ich tippe auf eine sogenannte Pastoralassistentin, wobei ich spekulieren muß, denn mir kam auf meinen Kirchgängen noch keine solchene vor, geschweige denn im Altarraum, aber gehört und gelesen hab ich schon oft, daß dergleichen durchaus vorkommen kann..

Die Sallmann, noch ganz im Schwangeren mit der Hochzeitsstimmung und in Hoffnung auf ein baldiges Großmuttertum rief dann gönnerhaft mit der ihr eigenen Empathie: „Ach, man soll doch die Priester auch heiraten lassen!“, so als ob grad ich das entscheiden könnte! Zwar war ich der guten Frau dankbar, daß sie vor dem Frühstück nicht auf die Kreuzzüge, noch auf die Inquisition, noch die Hexenverbrennungen und das ganze Programm zu sprechen kam, sondern gnädigerweise nur auf den Zölibat. Und gleich dachte ich an die Predigt, wo der Herr Pfarrer mit Nachdruck zum Verkünden ermahnt hatte und legte mich ins Zeug für ein Zeugnis. Ich hub an, daß es schon einen Sinn mache, wenn der Priester ganz und nur seiner Berufung geweiht ist, weil schließlich eine Familie den ganzen Mann erfordere, der Dienst am Herrn und dem Ringen um das Seelenheil seiner Schafe aber auch. Das Opfer der Enthaltsamkeit stärke ihn in der Heiligung. die ja von ihm besonders verlangt ist als auserwählter Diener Gottes und etliches mehr, was ich Dir ja jetzt nicht eigens ausbreiten muß.

Die Sallmann war darob jedenfalls richtig beeindruckt, ich glaub schon auch wegen dem, was ich gesagt habe, und nicht nur wegen ihrer leicht entflammbaren Ader, die schnell schwillt bei ihr, wenn jemand so was irgendwie poetisch und philosophisch klingendes ganz entschieden und überzeugt daherredet, wie ich vorhin. „Klingt überzeugend!“ sagte sie ernst und nachdenklich nickend, und ich hab gedacht: jetzt krieg ich sie am Schlawittchen, vielleicht mag sie ja noch ein bißchen mehr verkündet kriegen bei einem Frühstück.

O Vanitas! Denn nun hatte sie einen solchen Heureka – Effekt, so wie ich letzte Woche einen hatte und sogleich kehrte ihr leicht spöttisches gutgelauntes Lächeln zurück, und sie sagte mit so einem neckischen ‚Fast wär ich dir auf den Leim gegangen du Schlingel‘ – Blick: „An dem Priester bei der Hochzeit gestern war aber rein gar nichts Heiliges!“ ganz amüsiert und locker, aber ich sag Dir, das klang so entschieden und sicher wie in Stein gemeißelt! Und gleich fielen ihr noch andere Priester ein, mit denen sie in den letzten Jahren irgendwie zu tun hatte, und die seien auch so gewesen und hätten sicher nix mit einem ganz Christus geweihten Leben und so was im Sinn. Nun war ich in der Bredouille, denn ich ahnte sehr gut, was sie meinen könnte, aber setz Dich nieder, alter Schwede, es kommt härter: Frau Sallmann schloß mit den Worten: „Das ist alles wie bei den Protestanten geworden und die können ja auch heiraten!“ und grinste mich siegesgewiß an. Nun stand ich da, und vollends schwappte die kalte Welle ärger noch als bei des Drechslers janusköpfig hermeneutischen Doppelschneuzers letzte Woche über mir zusammen! Sallmanns Christa, die kirchenferne kam einmal wieder nah und diagnostizierte einen Bruch, aber so was von einem! Ganz nonchalant und auch en passant, denn gutgelaunt zog sie weiter zu einer Vernissage, die gleich begann, mir noch einen schönen Sonntag wünschend.

Ich nage im Ochsen wie ein solcher verdrießlich an meiner Salzstange und auch der Schoppen erquickt mich nicht. Was hätt ich denn der Sallmanns Christa Gescheites antworten können, nach ihrer Schilderung der Hochzeit? Hätte ich sagen sollen, nein, nein, zwar haben wir eine Kontinuität, halt nur nicht in jeder Kirche, aber an sich schon, da haben Sie halt eine blöde erwischt? Kommen Sie mal mit mir mit, da können Sie einen Prachtkerl von Priester studieren, wie ich ihn geschildert habe!? Ja wie blöd wär das denn gewesen?!

Oder daß das Amt und die Weihe ohne Ansehen der Person dennoch heilig ist, oder so was? Aber die Frau sieht halt einen Priester, wie er da so steht, redet, schaut, tänzelt, augenkontaktet, gestikuliert, rumscherzt, belehrt und wie er wirkt, sie sieht kein Amt!

Sie sieht auch keine Hermeneutik, keine Reform in Kontinuität mit der Tradition, sondern zum Beispiel eine Pastoralreferentin, was sie noch nie zuvor gesehen hat, die im Altarraum geschaftlhubert. Sie sitzt in einer Feier, unter Leuten, wo keine Andacht spürbar ist, sie sitzt in einem Event mit pastoralem Anstrich. Und sie war halt in dieser Kirche, wo es war wie es war, und Frau Sallmann hat die Kirche ihrer Jugend darin in fast nichts wiedererkannt. Sie hat gute Sinne und keine Hermeneutik der Welt redet ihr aus, was sie handfest gesehen, gehört, geschmeckt hat.

Für jetzt bleibt mir zu hermeneutiken, daß ein Anschein eines Bruches mancherorts leicht und plausibel möglich zu sein scheint, was das geforderte Apostolat des Laien nicht gerade einfacher macht. Und der Laie bin in dem Fall ich!

Ich schließe lieber Hans, der doppelte Espresso kommt, möge er greifen! Die Sallmann Christa ist sich jetzt wieder ganz sicher, daß man Kirchen außer zum Anschauen und zu Konzerten höchstens zu Hochzeiten und Beerdigungen mal braucht, das ist das Traurigste. Die Chancen meines Ansinnens, sie doch einmal zum Mitkommen zu uns zu bewegen, scheinen mir erheblich gesunken. Ich hab’s genau in ihren Augen gesehen, dieses, „ja, die Ringzeremonie, das heilige Jawort des Paares vor dem Herrn war schon ergreifend – aber ansonsten muß ich mir das nicht geben.“

Wenn es denn sein soll, werde ich andere Gelegenheiten bekommen, ich versuche mich zu wappnen, aber ich frage mich, wie beweglich wir noch sind, bei dem ganzen Ballast an Rüstung, das wir für’s Verkünden mitschleppen müssen. Aber der Herr lenkt, und ich bitte um Erleuchtung und Zuversicht!

Dir einen gesegneten Sonntag,

Dein Ludwig

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3 Antworten zu Grünbachers Kirchgänge – Zweiter Brief

  1. Gerd schreibt:

    Lese ich mit Vergnügen.

  2. Frischer Wind schreibt:

    Erleuchtung und Zuversicht, oh ja… für mich bitte auch! *seufz*
    Ausgezeichnet. Danke für den Lesegenuss!

  3. clamormeus schreibt:

    @Gerd und Frischer Wind
    Freut mich sehr, vielen Dank!

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