Der Religiöse aber trolle sich aus dem Diskurs? Nö.

Die Dichterin Gertrud von le Fort konstatierte in ihren Aphorismen:

Der ATHEISMUS nimmt sich in den groben Händen des Volkes minder feinsinnig aus wie auf den Lippen geistvoller Aristokraten.

Zweifellos ist heutzutage ein Anschwellen eines Vulgäratheismus nicht zu übersehen, auch wenn er die Fäuste hierzulande Gott sei Dank bisher nur zum gefühlten Fuchteln benutzt. In manche Combox erbricht sich aber die gegeiferte Sprechblase, das niedergebrüllte Wort, nicht nur, wenn es da einer wagt, den Glauben, seine Kirche oder auch Religion an sich zu verteidigen, nein, es reicht oft schon allein die sachliche Richtigstellung von allfälligen journalistischen Falschbehauptungen und Verdrehungen, besonders wenn es um die katholische Kirche geht. Selbst in der sonst eher moderaten FAZ wurde Daniel Deckers von einigen Lesern nur dafür angegangen, weil er es unternahm, unparteiisch und gut recherchiert darzustellen, warum die DBK nun ein anderes Institut für die Mißbrauchsstudie beauftragen will als geplant, und die Bischöfe durch Fakten gegen den Vorwurf der Zensur und der Vertuschungsabsicht in Schutz nahm.

Argumente eines Gläubigen brauchen nicht erwidert, nicht einmal gehört werden, – Skandal genug, daß es das immer noch gibt!- denn es steht ja fest: es sind Phrasen irrationaler, geisteskranker Phobiker, potentieller Kinderschänder, Bombenleger, Kondomverbieter, urknalltauber Eheprivilegierer, sämtlicher Gräueltaten aller Zeiten Überführter, oder so ähnlich, die sich infamerweise noch des Vergehens erdreisten, in Wertmaßstäben und in der Moral andere Überzeugungen zu vertreten als man selbst und das in aller Öffentlichkeit!

Josef Bordat bilanziert zum Shitstorm solchen Trashatheismus: >>Interessant und erschreckend zugleich finde ich, dass es allem Anschein nach gar nicht mehr so sehr darauf ankommt, was man schreibt, sondern wer es schreibt<<

Alexander Kissler äußert sich hier und gedruckt im neuen Vatican Magazin zum „Priapischen Atheismus“ wie gewohnt erfrischend deutlich: >>Es nervt das Aggressive, das Obszöne, das Illiberale vieler Religionskritiker. Sie, die Profiteure sind eines weitgehend deregulierten Diskursfeldes, wollen neue Tabus verordnen. Die Gläubigen sollen die Klappe halten….<<

Das werden sie nicht, und das ist nicht nur gut so, sondern dringend notwendig. Dem (g)eifernden Teil der Zeugen Dawkins und Co und auch denjenigen Journalisten und Politikern, die es befördern, daß Religions- und Kirchenfeindlichkeit derzeit der Pappkamerad manch einfacheren Volkes ist, muß deutlich gesagt werden, daß hierzulande das Recht, auch das auf freie Meinungäußerung, Gewissens- und Religionsfreiheit sowie Schutz vor Beleidigungen für alle gilt und keiner wegen modehäretischen Umtrieben davon exkommuniziert werden kann!

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5 Antworten zu Der Religiöse aber trolle sich aus dem Diskurs? Nö.

  1. Gerd schreibt:

    Viel schwerwiegender ist m.M. nach die Tatsache, dass sich zunehmend die Religiösen innerhalb der Religion zu trollen haben. Mir als Katholik ist es eigentlich egal, mit welcher Agression die Atheisten gegen die Religiösen argumentieren, weil ja die Fronten zumindest unter diesen Gruppen geklärt sind. Hier der Atheist dort der Religiöse. Da handelt es ich, platt gesagt um Gegner und nicht um Gleichgesinnte. Problematisch wird es erst, wenn sich der Religiöse gegen den Religiösen ausweisen muss. Die Folgen sind weitreichend. Wenn ich als Religiöser in der religiösen Gemeinschaft als Troll dastehe, weil ich z.B. die Allerlösungstheologie ablehne, wie soll dann eine Argumentation auf „weltlicher“ Ebene mit den Atheisten gelingen? Egal mit welchen Absichten beide in das Gespräch gehen. Um es deutlich zu sagen: Ich bin gegen ein trollen im Gespräch mit den Atheisten, aber die Religiösen sollten erst einmal selber in ihren Reihen für Ordnung sorgen, ehe sie sich in den Diskurs mit der Welt begeben. Ansonsten volle Zustimmung für deine Gedanken. Ich freu mich schon auf den nächsten Grünbacher.;-)

    • clamormeus schreibt:

      Lieber Gerd,
      sicher, daß in Diskussionen zwischen Atheisten und Gottgläubigen fundamental unterschiedliche Haltungen aufeinandertreffen, liegt in der Natur der Sache, wenn das Thema Religion angesprochen wird. Mir ging es nur darum, daß sich dies doch in einer sich als freiheitlich – demokratisch begreifenden Gesellschaft bitte weiterhin halbwegs respektvoll und zivilisiert gestalten möge, vor allem aber auch darum, daß es nicht hinzunehmen ist, wenn man Gottgläubigen in jeder öffentlichen Debatte sozusagen in toto das Wort entziehen will, selbst, wenn es dabei gar nicht um Religion geht, was ein Teil sich atheistisch nennender Leute, -nicht DIE Atheisten- mit rabiater, teils vulgärer Vehemenz offenbar erstrebt.
      Danke für’s Interesse am neuen Grünbacher – Brief, der gute Ludwig arbeitet schon daran ;-)

  2. jobo72 schreibt:

    Danke für den Artikel!

    Ich stelle das leider immer wieder fest, dass ein Dialog mit Nicht-Religiösen (zumindest oft und zumindest im Internet) schnell unmöglich wird, schon deshalb, weil dem Religiösen das Recht auf Teilnahme abgesprochen wird. Es gilt nicht mehr Habermas (http://jobo72.wordpress.com/2013/01/16/religion-und-politik/), sondern die Diagnose Kisslers: „Gläubige sollen die Klappe halten“.

    Das wird epistemisch und ethisch „begründet“: einmal damit, dass Gott nicht bewiesen sei (1), und zum anderen damit, dass „die“ Religion ohnehin nur Zwang ausüben wolle (2), so dass künftige Dialoge damit verhindert würden. Das ist so eine Art „wehrhafte Diskurstheorie“, die sich da ausbreitet.

    (1) Zu fordern, eine religiöse Argumentation sei im Diskurs gar nicht zulässig, weil ihre Voraussetzung bewiesen sein müsse, und zwar so, dass es der Gegner glaubt, ist eine Verhöhnung jedes Versuchs, über weltanschauliche Grenzen hinweg im Gespräch zu bleiben. Es heißt ja eben nichts anderes, als dass der, der glaubt, gar keine Stimme mehr hat. Das ist totalitär. Und übersieht zudem, dass die Argumentation der Gegenseite auch von nicht-beweisbaren Glaubenssätzen abhängig ist.

    (2) Interessanterweise kommt der Verdacht des „Zwangs“ bei religiösen Argumentationen immer sehr schnell ins Spiel, bei noch so totalitären säkularistischen Reden aber nur sehr selten. Die Forderung, man müsse „Religion verbieten“ geht in Online-Diskussionen regelmäßig glatt durch (auch im öffentlich-rechtlichen Raum, etwa auf Tagesschau.de), obwohl das eben hieße, fundamentale Rechte von über 50 Millionen Menschen in Deutschland mit Füßen zu treten. Es fällt offenbar gar nicht (mehr) auf.

    Wer religiös argumentiert, stellt seine Position dar, so, wie der, der nicht-religiös argumentiert. Dazu haben beide ein Recht, ohne dass man dem jeweils anderen vorwerfen könnte, schon dadurch, dass er sich überhaupt äußert, „zwinge“ er den anderen, seine Position zu übernehmen. Was für den Diskurs wichtig wäre, aber nicht mehr vorhanden ist, das ist die Fähigkeit, die Position des anderen einzunehmen, ohne sie zu übernehmen. Das wäre wichtig: Zunächst die Position des anderen ernstzunehmen, korrekt zu rekonstruieren – und dann erst zu kritisieren.

    Es kommt noch etwas hinzu, was ich persönlich derzeit erlebe: Es werden die Positionen Religiöser ohne weitere Prüfung zu religiösen Positionen. Da kann man versuchen, noch so viele Brücken zu bauen. Meine Argumente wurden schon einmal dadurch zu „widerlegen“ versucht, dass man darauf hinwies, ich sei ja schließlich katholisch. Auch, wenn ich dezidiert säkular argumentiere, funktioniert das, wie ich zuletzt feststellen musste. Dann ist freilich Hopfen und Malz verloren, weil der Religiöse dann als Person abgelehnt wird.

    Dagegen, katholischer Christ zu sein, kann (und will!) ich mich ja nicht wehren. Und wenn das ein Grund ist, mir nicht mehr zuzuhören bzw. mich nicht mehr ernstzunehmen, dann ist das eben so. Nur: Liberale Gesprächskultur geht anders.

    LG, Josef Bordat

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