„Liberale Gesprächskultur geht anders.“ Ein Kommentar von Josef Bordat

Mit nachdrücklicher Leseempfehlung!

Ich möchte folgenden  Kommentar Josef Bordats zu „Der Religiöse aber trolle sich aus dem Diskurs? Nö.“, für den ich ganz herzlich danke, hier auch seperat in der neuen Kategorie Gastbeiträge vorstellen. LG clamormeus.

Danke für den Artikel!

Ich stelle das leider immer wieder fest, dass ein Dialog mit Nicht-Religiösen (zumindest oft und zumindest im Internet) schnell unmöglich wird, schon deshalb, weil dem Religiösen das Recht auf Teilnahme abgesprochen wird. Es gilt nicht mehr Habermas (http://jobo72.wordpress.com/2013/01/16/religion-und-politik/), sondern die Diagnose Kisslers: „Gläubige sollen die Klappe halten“.

Das wird epistemisch und ethisch „begründet“: einmal damit, dass Gott nicht bewiesen sei (1), und zum anderen damit, dass „die“ Religion ohnehin nur Zwang ausüben wolle (2), so dass künftige Dialoge damit verhindert würden. Das ist so eine Art „wehrhafte Diskurstheorie“, die sich da ausbreitet.

(1) Zu fordern, eine religiöse Argumentation sei im Diskurs gar nicht zulässig, weil ihre Voraussetzung bewiesen sein müsse, und zwar so, dass es der Gegner glaubt, ist eine Verhöhnung jedes Versuchs, über weltanschauliche Grenzen hinweg im Gespräch zu bleiben. Es heißt ja eben nichts anderes, als dass der, der glaubt, gar keine Stimme mehr hat. Das ist totalitär. Und übersieht zudem, dass die Argumentation der Gegenseite auch von nicht-beweisbaren Glaubenssätzen abhängig ist.

(2) Interessanterweise kommt der Verdacht des „Zwangs“ bei religiösen Argumentationen immer sehr schnell ins Spiel, bei noch so totalitären säkularistischen Reden aber nur sehr selten. Die Forderung, man müsse „Religion verbieten“ geht in Online-Diskussionen regelmäßig glatt durch (auch im öffentlich-rechtlichen Raum, etwa auf Tagesschau.de), obwohl das eben hieße, fundamentale Rechte von über 50 Millionen Menschen in Deutschland mit Füßen zu treten. Es fällt offenbar gar nicht (mehr) auf.

Wer religiös argumentiert, stellt seine Position dar, so, wie der, der nicht-religiös argumentiert. Dazu haben beide ein Recht, ohne dass man dem jeweils anderen vorwerfen könnte, schon dadurch, dass er sich überhaupt äußert, „zwinge“ er den anderen, seine Position zu übernehmen. Was für den Diskurs wichtig wäre, aber nicht mehr vorhanden ist, das ist die Fähigkeit, die Position des anderen einzunehmen, ohne sie zu übernehmen. Das wäre wichtig: Zunächst die Position des anderen ernstzunehmen, korrekt zu rekonstruieren – und dann erst zu kritisieren.

Es kommt noch etwas hinzu, was ich persönlich derzeit erlebe: Es werden die Positionen Religiöser ohne weitere Prüfung zu religiösen Positionen. Da kann man versuchen, noch so viele Brücken zu bauen. Meine Argumente wurden schon einmal dadurch zu „widerlegen“ versucht, dass man darauf hinwies, ich sei ja schließlich katholisch. Auch, wenn ich dezidiert säkular argumentiere, funktioniert das, wie ich zuletzt feststellen musste. Dann ist freilich Hopfen und Malz verloren, weil der Religiöse dann als Person abgelehnt wird.

Dagegen, katholischer Christ zu sein, kann (und will!) ich mich ja nicht wehren. Und wenn das ein Grund ist, mir nicht mehr zuzuhören bzw. mich nicht mehr ernstzunehmen, dann ist das eben so. Nur: Liberale Gesprächskultur geht anders.

LG, Josef Bordat

Über clamormeus

Männlich (ohne Disclaimer). In Kürze mehr (ohne Gewähr).
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