Grünbachers Kirchgänge – Dritter Brief

Lieber Hans,

eine ganz wunderbare Messe hatten wir heute, als habe der Herrgott uns in diesen Zeiten ganz besonders trösten und aufrichten mögen. Dazu gleich. Beschwingt schritt ich zum Ochsen, und sah zu meiner Freude, daß heute die Geli da bediente, eine ganz und gar sympathische und charmante junge Frau, die dazu bildhübsch ist. Ich glaube, sie studiert noch und ist selten hier. Auch sie freute sich offenbar, mich zu sehen. Wir hatten schon ein paar nette kurze Gespräche. Nun hatte die Geli zum Glück ein Dirndl an, so daß ich gar nicht in Versuchung kam, mir vorzustellen, wie sie in einem solchen aussähe, sondern ihr nur sagen brauchte, wie gut ihr das steht. Sie sagte lächelnd „Danke“ und auch an den umliegenden Tischen, die das mithörten, schrie niemand auf, also man ist in einem normalen Umfeld doch noch nicht vor nichts mehr sicher heutzutage.

Und dann nipp ich so an meinem Kaffee und da kommt die Geli wieder und sagt: „Ich mach eine kurze Pause, darf ich?“ und setzt sich zu mir. Sie sagte dann: wird Zeit, daß es Frühling wird. Sie wolle endlich wieder in die Berge, daß sei schon über ein halbes Jahr seit sie dort war und dann erzählt sie so, wie schön das gewesen ist im Sommer, mit dem Blick auf andere Berge u.s.w., so ein Glück halt, daß man sozusagen selbst die Ameisen beim Picknick dort auf dem Schinkenbrot leben lassen will u.s.w., sag ich jetzt mal bildlich unter uns.

„Das kennen Sie, oder?“ fragte sie dann und ich bejahte und hub an und erzählte ihr von der wunderbaren und ganz besonderen Messe heute. Die Geli ist nett und sagte bedauernd: „Ich geh ja nicht in die Kirche, so konkret kann ich mir leider da jetzt nicht gar nicht viel drunter vorstellen“ Dann mußte sie wieder weiter. Darob sinnierte ich.

Ja weißt Du, Hans: so ein Bergspiel, der Farbenduft des Himmels, der Blick der Wiese von Silberdistel und Enzian, Gipfel ringsherumum und das Tal tief unten drunten, wenn ich’s jetzt mal geschert sagen darf, das versteht man. Weil ich ja auch schon auf einem Berg war in ähnlicher Weise, also da haben wir, die Geli und ich, sozusagen eine Analogie und Du und viele andere haben die auch. Also da müßte man schon so was wie ein Prinziptiefebenler sein, kein fliegender sondern ein stehender oder sitzender Holländer zum Beispiel, der vielleicht gehört hat, daß es Berge geben soll, aber noch nie einen gesehen hat.

Wenn ich aber jetzt konkret werden täte, wie ich das konkret zum Beispiel zu Dir sagen würde, also daß heute schon der Weihwassersegen das Herz traf und daß man beim Tractus der Schola fast die Engel singen hörte und beim Singen vom Credo wieder einmal so ein richtiger Schauer den Rücken hinubterlief und sogar der Drechsler hat sich heute nur einmal geschneuzt, u.s.w., könnte sich die Geli das vorstellen? Könnte sie natürlich nicht. Ich fürchte es wär so, als würde mir dieser Beispielholländer von der Schönheit erzählen, unter dem Meeresspiegel zu leben. Wie gesagt, die Geli ist sehr nett. Sie hat halt gespürt, weiblicherseits vielleicht oder sonstwie, daß mich diese Messe sehr froh gemacht hat, und sie freute sich darüber für mich. Aber die Freude an sich, die man kennt und jemandem gönnt, ist, wenn ich hier kurz hermeneutiken darf, eine ziemlich allgemeinere, als das Verstehenkönnen, über was sich der andere in etwa genau freut..

Wie aber gebe ich dann die Freude am Glauben jemandem weiter, der das nicht kennt? Das Evangelium zum Beispiel soll man ja künden, aber warum hinausgehen in alle Welt, ich sitze so gemütlich und wir haben ja alle Welt da. Und dann habe ich mich so im Ochsen umgeschaut, und gedacht, wie das wär, wenn ich jetzt aufstehe und anfange und hab um eine Eingebung gebeten, mit was ich anfangen könnte. Und jetzt halt Dich fest, alter Schwede! Weißt Du was mich ankam?

„Niemand kommt zu mir, den der Vater nicht zieht.“ Kein Witz! Johannes, 6,44! Ja also wieder so ein Paradoxon und ich habe so lachen müssen, als ich mir ausmalte, wie das jetzt wäre, wenn ich aufgestanden wär und das verkündet hätte. Um mir so vorgestellt, wie wer jetzt wie geschaut hätte, richtig wiehern müssen hab ich kurz, da wurde in meiner blöden Spinnerei das Paradoxon zum Absurdon, so es ein solches gibt . Etwas beschämt winkte ich dann die Geli zum zahlen. Und. Jetzt kommt’s Hans, da sagt sie zu mir: „Daß Sie gläubig sind, merkt man.“ Und sauste wieder weg mit dem Tablett. Mich interessiert jetzt natürlich brennend, an was sie das merkt. Vielleicht, lieber Hans, sind die Dinge mitunterlich subtiler analog, als man es meinen täte, was der Lateiner dazu sagt, weiß ich leider nicht, es bleibt jedenfalls paradox und vor allem: geheimnisvoll. Ich schließe für jetzt und trinke aus.

Dir einen gesegneten Sonntag!

Dein Ludwig

[Copyright: clamormeus. Dritter Teil der Serie, erster und zweiter Brief unter „Prosa“ oder direkt unter  „Grünbachers Kirchgänge“]

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Eine Antwort zu Grünbachers Kirchgänge – Dritter Brief

  1. Gerd schreibt:

    Wunderbar herrlich. Allein die Vorstellung, von der Messe beschwingt in den Ochsen zu wandern, hat schon was erfrischend katholisches. Leider ist dieses Brauchtum bei uns (Niederrhein) vollkommen ausgestorben. Mein Opa durfte das noch Zeit seines Lebens geniessen. Der fand bedirndelte Mädchen ausgesprochen hübsch. Gut katholisch eben. ;-)

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