Grünbachers Kirchgänge – Vierter Brief

Lieber Hans,

einige Wochen lang hat’s mir die Sprache verschlagen. Der Blitz vom Rosenmontag traf tief. Und es donnerte und brannte gewaltig. Und es geschahen auch Dinge, die mich veranlaßten, erst mal gar nichts mehr zu sagen und zu schreiben. Ich war sogar froh, daß die Geli im Wirtshaus nie bediente, denn die hätte mich gefragt, und ihr kann ich nichts abschlagen. Ja, so stehts! Aber Dich, mein Freund, will ich nun nicht mehr warten lassen, am Ende sorgst Du Dich noch.

Viele hat es erwischt. Aber einen ganz besonders arg, den armen Johannes Strobl. Am 28. Februar sitze ich vor dem Bildschirm und kurz nachdem der Papst Benedikt von Balkon schwindet, klingelt das Telefon pietätslos in meine tiefste Erschütterung hinein. Erst eine lange Pause und dann sagt der Strobl ganz zittrig: „Ludwig, was ist los? Was ist los?!“ Und dann hat er so ungut leise gestöhnt und aufgelegt. Ich sofort hingerannt, das Schlimmste fürchtend, und ich war froh, daß er mir gleich, wenn auch kreidebleich die Tür öffnete. Und jetzt halt Dich fest, alter Kreuzfahrer: Der war auf Exertitien, genau diese zwei Wochen ohne jede Zeitung, ohne Radio, Glotze und Computer bei Mönchen, die so was auch nicht haben. Dann kam er heim, kurz bevor das Fernsehen den Flug nach Castel Gandolfo gezeigt hat und aus Neugier was angeschaltet und hat dann gesehen, wie der Papst in den Hubschrauber steigt. Ohne Vorwarnung. Du mußt Dir jetzt mal den psychischen Seelenschock sozusagen vorstellen. Der Antiheureka-Effekt schlechthin! Unter einiger Zuhilfenahme eines geistigen von seinem sehr frommen Cousin selbstgebrannten Getränkes, was er immer da hat, hab ich ihm dann sozusagen laienspirituose Erstversorgung zuteil werden lassen und ihn so behutsam wiederpneumatisiert. Und auch mir wurden Augen sozusagen nicht trockener, als ich nun die ganze Geschichte nochmal im Detail eruieren und dem Strobl beibringen mußte. Das ging mir sehr nahe, war aber auch ein Fingerzeig, daß wir selbst in großem Schmerz nicht vergessen sollen, daß es andere noch viel sauberer erwischen kann!

Doch anderer Natur war das Gebaren mancher Brüdern und Schwestern. Das Konklave kam und man hätte eigentlich ahnen können wie’s ausgeht: zum Beispiel, weil jeder Kardinal beim Eid so demonstrativ Tango! gesagt hat. Ich weiß ja, das ist jetzt eigentlich nix für blöde Witze, aber Du weißt, wie meine Stimmung ist, wenn ich sie trotzdem reiße. Apropos: eine mir sehr gut bekannte Bekannte sagte wegen der Möve auf dem Schornstein: der neue Papst kommt aus Übersee, auch nicht übel. Also kurz und gut: da stand also dann der Papst Franziskus auf der Loggia. Und nun posteucharistal draußen vor der Kirche, war das am Sonntag so: Manche, wie die Brichsler und der Dr.Homann zum Beispiel, sahen also nun das Ende der Tage kommen, wobei das die Brichsler alle zwei Wochen tut, je nach dem, wer ihr wieder was für einen Zettel in die Hand gedrückt hat, beim Homann dagegen war es ernster, der würde sonst sogar einen alten Stoiker in Rage versetzen mit seinem Phlegma, weil der Stoiker sich so was von veräppelt fühlen könnte vom Herrn Doktor. Dabei ist ja der Homann nur einfach so,

Ein paar andere wiederum sind vor Begeisterung fast rumgehupft und sahen nun die Armen gerettet, also fast schon, als könnte der Papst Franziskus auch Brot und Fische vermehren wie der Herr. Die haben so komisch leuchtend geschwärmt in mildem Timbre, so daß du froh sein mußtest, daß es noch zu kalt für Schmetterlinge ist, sonst hätten die denen womöglich noch die frohe Botschaft verkündet! Selbst ein vorbeiflanierter Dackel zog ängstlich an der Leine bei so viel Liebe zur Kreatur, mit der er angeschaut wurde. Aber ich hab wieder nichts gesagt, obwohl es schon schwerer fiel! Ja du, hieß es darob dann, der Neue hat doch von Jesus Christus und Maria geredet, und sogar vom Leibhaftigen, das ist doch ein guter Anfang! Ja bitte, also soviel sag ich doch, aber nur Dir, von wem soll er denn sonst reden- vom Maradona statt der Madonna vielleicht? Oder daß wir mit der Kirche in Gefahr sind, zu einer Bandoneonkaschemme zu verkommen, bloß weil er als Papst zufällig Argentinier ist? Und so bescheiden sei er, hieß es dann noch. Nun ja dachte ich, das sah wirklich ziemlich bescheiden aus. Aber halt, ich sag ja nichts! Alter Goucho, Du verstehst schon! Was ich gedacht hab und denke und hoffe, vertraue ich lieber dem Gebet an. Womit ich nichts gesagt haben will.

Und das ist der zweite Grund meiner Rede- und Schreibsedisvakanz: wenn man wem was erzählt dazu, erzählt der einem auch was und deren Zahl ist Legion und am Ende wächst die Verwirrung aller, alles in allem. Ohne uns oder, das Glas auf selbige erhebend: Non praevalebunt!

Dir eine gesegnete Fastenzeit, ich freue mich auf unser baldiges Wiedersehen,

Dein Ludwig

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Eine Antwort zu Grünbachers Kirchgänge – Vierter Brief

  1. Clara Franz schreibt:

    Auch wenn Papst Franziskus sich den Namen des Poverello aus Assisi gegeben hat und so vielleicht ein Zeichen setzen wollte – Bescheidenheit und Demut drücken sich nicht nur in der Zurückweisung prächtiger Priestergewänder und roter Schuhe aus und auch nicht ausschließlich im freundschaftlichen, unkomplizierten Umgang mit anderen.
    Demut wohnt „tief drinnen im Herzen“, wie ich auch schon andernorts schrieb.

    Ich erwarte und erhoffe schon noch viel Gutes von ihm, andererseits befürchte ich aber eine gewisse (Nach-)Lässigkeit der Liturgie gegenüber.
    Was positive oder weniger positive Veränderungen betrifft, so werden wir abwarten müssen, wie er sein Amt auszufüllen gedenkt.
    Dass Papst Franziskus das gewohnte Verhalten des Jorge Mario Bergoglio nicht so ohne weiteres ablegen will und kann, muss man ihm sicher zugestehen.
    Wir sind alle verschieden und wollen so angenommen werden, wie wir nun einmal sind.
    Ich denke, er muss nur aufpassen, dass seine bisherige Bescheidenheit längerfristig nicht zur bloßen Attitüde erstarrt.
    Denn er hat sicher schon mitbekommen, dass ihm die Herzen genau wegen dieser Bescheidenheit und der einfachen, spontanen Art seines Umgangs mit anderen zufliegen.
    Franz von Assisi – der eine,
    Papst Franziskus – der andere.
    Trotz aller Begeisterung und des Lobes allerorten: Für eine Heiligsprechung ist es definitiv zu früh!

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