Ein Anti ist nichts als ein hohles Nein

Ein Gedanke zum Antimodernisteneid  abgeleitet von Ortega y Gassets „Der Aufstand der Massen„.

Ortega 1

José Ortega y Gasset (1883  – 1955),  geboren in Madrid, Jesuitenschüler, Philosoph, Journalist und Herausgeber, verfaßte u.a. mehrere vielbeachtete Zeitdiagnosen und wirkte an der spanischen Verfassung von 1931 mit.

Unter dem Eindruck der Weimarer Republik, verfaßte er 1929 sein bekanntestes Werk „Der Aufstand der Massen“ und zeigt sich als eigenständiger Geist und brillianter Denker, der einerseits im mächtigen Aufkommen des Faschismus und des Bolschewismus „falsche Morgenröten“, die zu einem „Rückfall in die Barbarei“ führten erkennt; andererseits ist er gewiß, daß auch „der Liberalismus des 19. Jhdts. überwunden werden muß“.

„Aber, der Faschist, der sich antiliberal erklärt, ist gerade dazu nicht imstande. Denn antiliberal oder nicht-liberal war der Mensch vor dem Liberalismus. Und da dieser einmal triumphierte, wird sich sein Sieg beständig wiederholen, oder es wird alles -Liberalismus und Antiliberalismus- mit der Vernichtung Europas enden.“

Etwas später erläutert er an einem simplen Beispiel:

„Wenn sich jemand gegen Pedro erklärt (…), so heißt das, daß er sich für eine Welt erklärt, in der es keinen Pedro gibt. Eben das war aber der Fall, bevor Pedro zur Welt kam. Anstatt sich zeitlich hinter Pedro zu stellen, versetzt sich der Pedro-Gegner vor ihn; er läßt den ganzen Film an jener vergangenen Weltstelle noch einmal beginnen,von der aus er doch gnadenlos Pedros Wiederauftritt entgegenrollt (…) Ein Anti ist nichts anderes, als ein simples, hohles Nein“

Neben der bemerkenswerten Diagnose, die man all den „Antis“ dieser Tage zur Betrachtung dringend nahelegen möchte, fällt mir eine beachtliche Parallele im Denken Ortegas zur Kirche der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts auf: auch diese lehnt die Massenbewegungen des Faschismus wie Kommunismus ebenso ab, wie den Liberalismus und Modernismus. Insofern darf gefragt werden: mußte nicht das, was in der Abwehr der Kirche gegen das Eindringen des Liberalismus im „Antimodernisteneid“  Pius X. kulminierte, ganz im Sinne Ortegas scheitern? War es wirklich so verwunderlich, daß in der Nachkriegszeit ausgerechnet in weiten Teilen der Kirche modernistische und liberalistische Strömungen zu einer Renaissance gelangten, ausgerechnet dann, als diese im Rest der Welt schon mit dem Präfix „Post-“ versehen wurde?

„Es wäre alles sehr einfach, wenn wir mit einem runden Nein die Vergangenheit begraben könnten. Aber die Verganhenheit ist ihrem Wesen nach ein Revenant. Wenn man sie hinauswirft, kommt sie wieder, unabänderlich. Darum kann man sie nur wahrhaft abtun (…) wenn man mit ihr rechnet, sich mit dem Blick auf sie bewegt, damit man ihr aus dem Weg gehen kann, kurz, wenn man „auf der Höhe der Zeit“ lebt, mit feinstem Gefühl für historische Gegebenheiten“

Man darf durchaus die Frage stellen, ob diese Auseinandersetzung zu Beginn des 20. Jahrgunderts in der Kirche in adäquater Weise geschehen ist, oder ob man nicht doch erhoffte, den Modernismus weningstens kirchenintern „mit einem runden Nein“ begraben zu können und ihm damit womöglich sogar zu einer dann fast anachronistisch anmutenden Wiedergeburt ausgerechnet in der Kirche verholfen hat, worunter diese bis heute krankt und leidet.

Auch in diesem Lichte wird das große Pontifikat Benedikt XVI. zu würdigen sein, der diese Erkrankung klar und deutlich vor Augen hatte und sie mit eben dem oben geforderten  feinsten Sensus für historische Begebenheiten zu heilen begonnen hat.

Ein Papst auch, der in diesem Sinne stets so ganz „auf der Höhe der Zeit“ amtierte, die Gefahren des Relativismus artikulierte und ermutigte, dessen Regime auch mit der Vernunft und Argumenten zu erschüttern, anstatt ihm nachzugeben oder aber zu versuchen, es mit einem „simplen, hohlen Anti“ gleichsam magisch wie erfolglos aus der Welt zu verbannen. Diese doppelte Standfestigkeit wurde und wird auch mit Widerspruch und Feindschaft quittiert. Benedikts Wirken wird das keinen Abbruch tun.

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