Barbarei gegen Recht und Freiheit – Ortega zur „action directe“

Gestern wurde der Verteidigungsminister Thomas de Maizière von lärmenden Studenten der Berliner Humboldt Universität, die sich anscheinend als Pazifisten definieren, an einem Vortrag mit dem Thema „Armee und Einheit“, dem eine Diskussion folgen sollte, gehindert. Aufgegriffen auf anderen Blogs wurde es u.a. hier und hier.

Einer hunderter Fälle der letzten Jahre, wo eine Debatte, eine Lesung, eine politische oder sonstige Veranstaltung damit zu sprengen, zu beenden oder zu verhindern versucht wurde, indem man durch Niederbrüllen oder andere Störungen und Angriffe auf Vetreter mißliebiger – vulgo: anderer- Meinungen unter Ignorierung des Rechts oder zumindest jeglicher Mißachtung der Gepflogenheiten und Normen zivilisierter Auseinandersetzung nur eines erreichen will: nämlich den Gegner in der Debatte mundtot und sprachlos zu machen, und ihm so das Recht auf freie Meinungsäußerung de facto entziehen.

Dazu finde ich folgende Betrachtung Ortega y Gassets im „Aufstand der Massen“ aus dem Kapitel „Warum die Massen in alles eingreifen, und warum sie nur mit Gewalt eingreifen“ passend, über die ich gerade stolperte, weil ich dort nach anderen Zitaten für einen anderen Post suchte:

Man ist nur dann im Besitz einer Idee, wenn man im Besitz ihrer Gründe zu sein glaubt, wenn man… an Begründbarkeit überhaupt, an die Existenz eines Reiches einsichtiger Wahrheiten glaubt. […]Aber der Massenmensch wäre verloren, wenn er sich in Diskussionen einließe; instinktiv schreckt er zurück… diese höchste objektive Instanz anzuerkennen. Das Neueste in Europa ist es daher „mit den Diskussionen Schluß zu machen“, und man verabscheut jede Art geistigen Verkehrs [der seinem] Wesen nach Ehrfurcht vor objektiven Normen voraussetzt…man verzichtet auf ein kultiviertes Zusammenleben, das [eines] unter Normen ist, und fällt in eine barbarische Gemeinschaft zurück. Der Massenmensch verachtet alle normalen Zwischenstufen und schreitet unmittelbar zur Durchsetzung seiner Wünsche. Die Unzulänglichkeit seiner Seele, die ihn anstachelt, sich in alle öffentliche Angelegenheiten zu mischen, führt ihn auch unausweichlich zu einem einzigen Interventionsverfahren: der „direkten Aktion“. […]

Man ist so unzivilisiert und barbarisch, wie man rücksichtslos gegen seinen Nächsten ist. Die Barbarei ist die Neigung zur Auflösung der Gesellschaft. Darum waren alle barbarischen Epochen Zeiten menschlicher Vereinzelung, eines Gewimmels kleinster, getrennter und feindlicher Gruppen.

Dies wurde wie gesagt 1929 insbesondere unter dem Eindruck der Weimarer Republik, des aufkommenden Faschismus wie auch des Erstarken des Bolschewismus geschrieben. Man mag einige Einordnungen Ortegas, wie auch den Begriff der „Masse“ und des „Massenmenschen“ für die heutige Situation Europas präzisieren müssen, beängstigend aktuell ist die Diagnose aber heute dennoch, vor allem, wenn man bedenkt, wie selbstverständlich solch antizivilisatorisches  und antifreiheitliches Verhalten gesellschaftlich hingenommen, oft sogar beklatscht wird, solange nur Personen und Gruppen damit angegriffen werden, die in der breiten veröffentlichten Meinung als wohlfeiles Feindbild dargeboten werden. Umso bedrohlicher, daß auch die Vertreter der Legislative derzeit kaum Interesse erkennen lassen, dem grundgesetzlichen Recht auf Meinungsäußerungsfreiheit für jeden, ernsthaft und wirksam Geltung gegen seine Feinde zu verschaffen.

Trackback: https://einfachentfachend.wordpress.com/2013/04/04/ein-anti-ist-nichts-als-ein-hohles-nein/

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4 Antworten zu Barbarei gegen Recht und Freiheit – Ortega zur „action directe“

  1. Gerd schreibt:

    Spontan fallen mir die Worte des sel. Kardinals von Galen ein, der wohl in einer Predigt sinngemäß sagte: Wir sind nicht der Hammer, sondern der Ambos.

  2. Hestia schreibt:

    Dieser Drang, „mit den Diskussionen Schluss zu machen“ (meist schon, bevor sie richtig angefangen haben), fand ein Sinnbild in den unsäglichen Schildern „Halts Maul, Thilo“ nach dem Erscheinen von Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ im Herbst 2010.

    Redefreiheit muss aber gerade für Anhänger anderer politischer Meinungen und für Laberköpfe gelten, sonst ist sie nichts wert.

    Das öffentliche Äußern anderer Meinungen gewaltsam zu verhindern, zeugt von einem erschreckend primitiven „Demokratie“-Verständnis. Vorläufer gibt es da reichlich: die SA 1932, Studenten und Rote Zellen 1967-1970, diverse Parteiorganisationen in der DDR – und jetzt wieder Berlin 2013. Auch die neuerdings in Mode gekommenen Shitstorms würde ich hier einordnen.

    Aus meiner Familie kenne ich den Spruch: „Wer schreit, hat keine Argumente“.

  3. Clara Franz schreibt:

    Ja, reden sollte jeder dürfen.
    Auch dann, wenn mir die jeweiligen Inhalte nicht unbedingt gefallen.

    Von Studenten kann man erwarten, dass sie so erwachsen und damit vernünftig genug sind, sich Vorträge erst einmal anzuhören.
    In einer anschließenden Diskussion können sie ja dann ihre Argumente bzw. Vorbehalte artikulieren.

    Die Reihenfolge macht´s:
    dem Redner zuhören, das Gesagte in sich wirken lassen, darüber diskutieren, das Pro und Kontra abwägen, in Teilen zustimmen oder auch ablehnen.

    Wer dazu nicht fähig oder willens ist, den kann ich nicht zur zukünftigen Elite rechnen.
    Von Hochschulstudenten verlange ich mehr als billige Protestaktion.
    Ich erwarte ein erwachsenes, kein pubertäres Verhalten!

  4. clamormeus schreibt:

    Vielen Dank für die Kommentare!
    Wo es meines Erachtens nach auch entscheidend hakt, ist die Erziehung. Vor kurzem las ich irgendwo von einer Lehrerin, die von Schülern forderte, sie sollten jeweils für ein Thema Argumente dafür oder dagegen finden, und dann versuchen, ihre jeweilige Position nur durch Widerlegung jedes einzelnen Arguments der anderen Seite durchzusetzen, wozu diese ja erst mal gehört und durchdacht werden mußten, also so eine Art scholastischer Ansatz. Ich fürchte, diese Lehrerin ist eine sehr seltene Ausnahme.
    Was ich dagegen so höre, gibt es kaum noch so was wie Rechts- und Verfassungskunde, geschweige denn irgendeinen Unterricht zum zivilisierten Umgang miteinander und berechtigte Argumente für oder gegen irgendetwas vorzubringen, wird nicht selten schon als „Anmaßung“ bzw. „Intoleranz“ gebrandmarkt.
    Scheint so, als sei das, was in den 1960ern mit dem organisierten Niederbrüllen mißliebiger Politiker (wieder)begann, sukkzessive gesellschaftsfähige Norm geworden. So schert’s auch kaum noch, ob z. B. ein Politiker lügt, sonder nur, ob er raffiniert lügt oder stümperhaft.

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