Benedikts Pontifikat: Das Recht auf Stille

Eine Laudatio der besonderen Art widmet heute Alexander Kissler Joseph Ratzinger als „Avantgardist der Stille“, hier nachzulesen. In einer Infomail weist der Autor seinem Sujet entsprechend, nicht ganz unsarkastisch darauf hin:

Die Älteren unter uns werden sich noch erinnern: Es gab einen Papst vor Franziskus, mit Namen Benedikt. Das muss im Mittelalter gewesen sein. An ihn, der seltsamerweise noch lebt, erinnere ich aus Anlass seines Geburtstages heute. Es soll gerüchteweise der 86. sein.

Ich zitiere und verlinke hier um so lieber, als mir selbst die Ohren schon wieder dröhnen vor lauter Aufbruch!-, Weiter!-, Anders!-, Vorwärts marsch!- Geklingel und Gezerre auch in der Kirche, das jeden, der irgendeinen Ort der Stille gefunden hat, wo der Geist ungestört von überpeitschter Unruhe, Gelärme und Wortgeräusch durch sich in ihm wirken kann, aufscheuchen und herumhetzen, oder schlicht, wie es Michel de Montaigne sagte: „aus sich vertreiben“ will.

In der Tat verdient auch dieser Aspekt von Benedikts Pontifikat eine Würdigung, das Verteidigen des Rechts auf Stille und Betrachtung, über das er nicht nur trefflich zu sprechen, sondern es auch schweigend beredt zu verkörpern wußte, nicht erst als Papst:

Schon als Erzbischof von München und Freising geißelte er die „geistige Umweltverschmutzung“ der Plapperer und der Dauerengagierten. Ihr gelte es entgegen zu wirken durch den „Mut zum Ungetanen“, zum bewussten Nicht-Tun, wo alle Welt Aktion und Dynamik verlangt. Wer auf Gott höre, halte die Wurzeln seines Seins „in die fruchtbare Stille Gottes hinein.“ Gerade wenn etwas keinen Aufschub zu vertragen scheint, zeichne sich die richtige Lösung in der Pause ab, im Schweigen. Aktionismus hilft nie weiter, nicht in der Kirche und erst recht nicht in der Welt. (…)

Vielleicht liegt darin der größte Freiheitsdienst dieses Pontifikats: Benedikt XVI. zeigte, dass es ein Menschenrecht auf Stille gibt, auf das eigene Tempo und auf das eigene Gewissen. Die Masse verstand ihn nicht, sie eilte, hetzte weiter.

Mit Dank an den Autor, da tät eventuell schon was dran sein können. Und ich durfte etwas länger in Stille verharren, und kam vorerst drumherum, ganz ähnliche Gedanken hegend, diese aus einer sich noch behaglich morgenstreckenden Mail an eine Freundin mühsam extrahieren zu müssen. Vorerst.

Bezugnahmen auf diesen Aspekt des vergangenen Pontifiakts finden sich auch in Alexander Kisslers Buch „Papst im Widerspruch“, das Barbara Wenz heute hier rezensierte

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2 Antworten zu Benedikts Pontifikat: Das Recht auf Stille

  1. Clara Franz schreibt:

    Ich danke Ihnen – und Herrn Kissler – für diesen Beitrag
    Und ich danke emer. Papst Bendedikt.
    Es gibt so vieles, wofür er unseren Dank verdient.
    Ich vermisse ihn!
    Diesen Menschen – leise und doch so präsent, zurückhaltend und von feiner Art
    und nun in der Stille der Welt verborgen.

    Es fällt der Welt schwer, die Sprache der Stille zu verstehen.

    Papst Franziskus darf mit Recht unseren Respekt erwarten und unser „ihm-zugewandt-sein“.
    Dazu bin ich ganz und gar bereit.
    Ob daraus mehr werden kann, wird die Zukunft zeigen.

    • clamormeus schreibt:

      Die „Wuzeln seines Seins in die fruchtbare Stille Gottes zu halten“ hat eben nichts mit dem Laster der Trägheit zu tun, die Weigerung, sich ständig von außen und anderen hetzen und in Frage stellen zu lassen auch nicht. Ein grundsätzliches Beharren auf seinem „So sein“ ist auch nicht verkehrt, schließlich und zum Glück hat uns der Herr ja alle sehr verschieden geschaffen. Dem gebührt also größter Respekt. Und wie Benedikt an anderer Stelle sagte: es gibt entsprechend viele Wege zu Gott. Wenn sich etwas ändern soll, merken wir das selbst, und wenn wir dafür kluge Ratschläge anderer dafür brauchen, fragen wir schon.

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