O-Töne: Benedikt XVI. Ansprache zum Zweiten Vatikanum 2005

»Das heisere Geschrei derer, die sich im Streit gegeneinander erheben, das unverständliche Geschwätz, die verworrenen Geräusche des pausenlosen Lärms, all das hat fast schon die ganze Kirche erfüllt und so durch Hinzufügungen oder Auslassungen die rechte Lehre der Kirche verfälscht …«

Mit diesem Zitat des Kirchenlehrers Basilius umriß Papst Benedikt am 22. 12. 2005 beim Weihnachtsempfang für die Kurie am 22. 12. 2005 zuspitzend die innerkirchliche Situation, die durch unvereinbare Rezeptionen des Zweiten Vatikanums entstanden war und erläutert:

Die Probleme der Rezeption entsprangen der Tatsache, daß zwei gegensätzliche Hermeneutiken miteinander konfrontiert wurden und im Streit lagen. Die eine hat Verwirrung gestiftet, die andere hat Früchte getragen, was in der Stille geschah, aber immer deutlicher sichtbar wurde, und sie trägt auch weiterhin Früchte. Auf der einen Seite gibt es eine Auslegung, die ich »Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches« nennen möchte; sie hat sich nicht selten das Wohlwollen der Massenmedien und auch eines Teiles der modernen Theologie zunutze machen können. Auf der anderen Seite gibt es die »Hermeneutik der Reform«, der Erneuerung des einen Subjekts Kirche, die der Herr uns geschenkt hat, unter Wahrung der Kontinuität; die Kirche ist ein Subjekt, das mit der Zeit wächst und sich weiterentwickelt, dabei aber immer sie selbst bleibt, das Gottesvolk als das eine Subjekt auf seinem Weg. Die Hermeneutik der Diskontinuität birgt das Risiko eines Bruches zwischen vorkonziliarer und nachkonziliarer Kirche in sich

Zur Veranschaulichung zeigt er am wohl markantesten Exempel der Religionsfreiheit, warum deren Gewährung durch das Konzil trotz offenkundiger Diskontinuität zu früheren kirchlichen Positionen dazu, keinen Bruch mit der Tradition beinhaltet und der Wahrheitsanspruch der Kirche dadurch keinesfalls relativiert wurde:

So wird beispielsweise die Religionsfreiheit dann, wenn sie eine Unfähigkeit des Menschen, die Wahrheit zu finden, zum Ausdruck bringen soll und infolgedessen dem Relativismus den Rang eines Gesetzes verleiht, von der Ebene einer gesellschaftlichen und historischen Notwendigkeit auf die ihr nicht angemessene Ebene der Metaphysik erhoben und so ihres wahren Sinnes beraubt, was zur Folge hat, daß sie von demjenigen, der glaubt, daß der Mensch fähig sei, die Wahrheit Gottes zu erkennen und der aufgrund der der Wahrheit innewohnenden Würde an diese Erkenntnis gebunden ist, nicht akzeptiert werden kann.

Etwas ganz anderes ist es dagegen, die Religionsfreiheit als Notwendigkeit für das menschliche Zusammenleben zu betrachten oder auch als eine Folge der Tatsache, daß die Wahrheit nicht von außen aufgezwungen werden kann, sondern daß der Mensch sie sich nur durch einen Prozeß innerer Überzeugung zu eigen machen kann. Das Zweite Vatikanische Konzil hat mit dem Dekret über die Religionsfreiheit einen wesentlichen Grundsatz des modernen Staates anerkannt und übernommen und gleichzeitig ein tief verankertes Erbe der Kirche wieder aufgegriffen. Diese darf wissen, daß sie sich damit in völligem Einvernehmen mit der Lehre Jesu befindet (vgl. Mt 22,21), ebenso wie mit der Kirche der Märtyrer, mit den Märtyrern aller Zeiten. Die frühe Kirche hat mit größter Selbstverständlichkeit für die Kaiser und die politisch Verantwortlichen gebetet, da sie dies als ihre Pflicht betrachtete (vgl. 1 Tim 2,2); während sie aber für den Kaiser betete, hat sie sich dennoch geweigert, ihn anzubeten und hat damit die Staatsreligion eindeutig abgelehnt. Die Märtyrer der frühen Kirche sind für ihren Glauben an den Gott gestorben, der sich in Jesus Christus offenbart hatte, und damit sind sie auch für die Gewissensfreiheit und für die Freiheit, den eigenen Glauben zu bekennen, gestorben – für ein Bekenntnis, das von keinem Staat aufgezwungen werden kann, sondern das man sich nur durch die Gnade Gottes in der Freiheit des eigenen Gewissens zu eigen machen kann. Eine missionarische Kirche, die sich verpflichtet weiß, ihre Botschaft allen Völkern zu verkündigen, muß sich unbedingt für die Glaubensfreiheit einsetzen. Sie will die Gabe der Wahrheit, die für alle Menschen da ist, weitergeben und sichert gleichzeitig den Völkern und ihren Regierungen zu, damit nicht ihre Identität und ihre Kulturen zerstören zu wollen; sie gibt ihnen im Gegenteil die Antwort, auf die sie im Innersten warten – eine Antwort, die die Vielfalt der Kulturen nicht zerstört, sondern die Einheit unter den Menschen und damit auch den Frieden unter den Völkern vermehrt.

Ich empfehle die kleine Mühe der Lektüre des ganzen Abschnitts der Ansprache zum Zweiten Vatikanum, da sie auch kompakt umreißt, in welcher historischen Situation und mit welcher Vorgeschichte dieses bisher letzte Konzil eingeordnet sein will. (bitte nach unten scrollen).

Das Pontifikat Benedikts hat zweifellos vieles darin bewirkt, die Deutungsmacht jener über das  Zweite Vatikanum zu erschüttern, die es als Bruch mit der lebendigen Tradition verkaufen und sich dabei vorwiegend auf einen ominösen „Geist des Konzil“ berufen, der schon für viele faktisch geschehene Brüche herhalten mußte, was Teile des traditionalistischen Spektrums ihrerseits zu Unrecht mit dem Konzil identifizierten; wie dünn das Eis ist, auf dem sich die Propagisten des Konzils als einer „Stunde 0“ bewegen, zeigt die Tatsache, daß mittlerweile von dieser Seite dessen Dokumente, insofern sie die Kontinuität und Tradition betonen oder gar bestärken, als irrelevante Kompromißformeln  bezeichnet werden, ohne irgendeinen Beweis dafür zu erbringen. Solche  unverfrorene Unserösität darf zu Recht als Gaukelei abgetan werden.

Doch hat dieses „virtuelle Konzil“ der Illusionisten weiterhin die Massenmedien und in Deutschland auch Teile des kirchlichen Apparates hinter sich, die weiterhin auf die Unkenntnis noch großer Teile der Gläubigen über die tatsächlichen Inhalte des Konzils bauen können. Inwieweit Papst Franziskus gewillt ist, hier den Weg seines Vorgängers fortzusetzen, muß sich noch erweisen. Es liegt so oder so auch weiterhin an Priestern wie Laien, die aus verschiedenen Bewegungen und liturgischen Präferenzen in den letzten Jahren weitgehend im Stillen zusammenfanden, die Hoffnung mancher zunichte zu machen, daß mit dem Amtsverzicht Benedikts die Auseinandersetzung beendet sei und in aller Ruhe die Kirche vom lebensspendenden Quell der Tradition auf dem eiskalten Verwaltungsweg abgetrennt werden kann.

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Eine Antwort zu O-Töne: Benedikt XVI. Ansprache zum Zweiten Vatikanum 2005

  1. Frischer Wind schreibt:

    Ein wichtiges Thema, das nicht lange Aufschub duldet, wenn nicht die Kirche und der Glaube der Gläubigen unter der indifferenz leiden sollen.

    Habe mir erlaubt zu verlinken:
    http://frischer-wind.blogspot.de/2013/04/ii-vatikanum-blaue-shirts-oder-wischi.html

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