Christliche Liebe meint nicht nur Caritas

In letzter Zeit wird in der Kirche wieder viel über den Primat der „christlichen Liebe“ geredet. Mitunter wird dieser Begriff dabei sehr einseitig auf allgemein menschliche und natürliche Formen der Liebe beschränkt, und unter diesen weiter auf die Nächstenliebe als konkreten Dienst an Anderen, an Bedürftigen reduziert. Dem trat Romano Guardini in einem Kapitel seines Buches „Welt und Person“ entgegen. Ich habe mir die Mühe gemacht, diese Gedanken hier kompakt zusammenzufassen, sie sind immer noch und gerade wieder sehr aktuell und hilfreich:

Weder von der natürlichen Liebe, den Haltungen der Sanftmut, des Altruismus (heute wohl eher im obigen Sinn einer Caritas verbreitet, oder in der diffuseren Form eines sogenannten „sozialen Engegaments), oder vom Eros her, lasse sich das Wesen der christlichen Liebe erfassen und  beschreiben.
Zwar, sagt Guardini, kommen diese Typen durchaus als Persönlichkeitsstrukturen im Christlichen vor, seien aber keinesfalls spezifisches oder maßgebliches Merkmal christlicher Liebe.

Wie ist die Liebeshaltung Jesu zu bestimmen, wenn wir sie auf keine Struktur einebnen? … sie also weder als sanfte Milde, noch als Altruismus, noch als Wertsehnsucht, oder kosmischen Eros, noch wie immer sonst deuten?
… wir werden entmutigt. Wir stoßen auf Haltungen, Akte, Werte, die wir mit unseren Begriffen des Liebens nicht zusammenbringen. Seine Liebe zeigt sich als etwas, das nicht vom Menschen her bestimmt werden kann; vielmehr von Gott kommt, und ebenso schön wie erschreckend, ebenso vertraut und bergend wie fremd und zerstörend erscheint. Sie fällt unter keine bereitsstehende psychologische oder philosophische Kategorie.
Man kann nicht sagen: „die christliche Liebe, welche sich auch und zwar vollkommen in Jesus findet, ist jene Haltung, die…“, sondern nur: „die christliche Liebe ist die Weise, wie Christus sich verhält“. Sie fängt mit ihm an. Es gibt sie weder vor ihm noch ohne ihn.“

Dieses Eindringen eines Höheren in ein bis dato ungestörtes Tieferes, beunruhige alle strukturbedingten Liebesphänomene; von hier aus gesehen, werde auch der Satz Jesu allzu verständlich:

„Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert“(Mt 10, 34ff)- und zwar in die selbstverständlichste Verbundenheit, nämlich die Familie. Die unmittelbar biologisch-psychologisch bedingte Liebe, die natürliche Menschenfreundlichkeit, und die Eroshaltung protestieren. Es entsteht der Eindruck, die natürliche Freundlichkeit primitiver Völker sei viel reiner als die christliche Haltung, und wenn jene zu diesen Völkern komme, zerstöre sie ein Paradis. Man hat das Gefühl, die Güte östlicher Weiheit und Seelenpflege sei lauterer, menschlich und geistig kultivierter als die christliche, und wird vielfach recht haben.“

Dies alles sei bei der Frage nach dem Wesen der christlichen Liebe zu beachten, vor allem, weil es sich „ja um Offenbarung handelt; um ein Existenzphänomen also, das nicht von der Welt, sondern aus Gott entgegentritt. Dies erkennen zu können, sei nur mit der Gnade der Erkenntnis möglich“.

Ich schließe mit der Definition Guardinis, die er früher im Kapitel den „strukturbedingten“ weltlichen Formen der Liebe in Bezug auf die christliche Liebe entgegenhält:

Wirklich christlich ist die Haltung erst dann, wenn die endliche Person in der Du-Relation auf den sich in Christus offenbarenden Gott steht. Ihr Wesen besteht darin, von ihm gerufen, das heißt geliebt zu sein; ihre Verwirklichung [darin], diesen Ruf zu vollziehen, das heißt ihn zu lieben. Das ist es, was die Aussage, das Christentum sei die Religion der Liebe zutiefst meint.

(Zitate aus: Romano Guardini, Welt und Person. Grünewald/Schöningh)

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