Kampf um die „tridentinische“ Messe: Der Agatha-Christie-Indult

Karl Kardinal Lehmann äußerte sich mit unüberhörbar abfälligem Zungenschlag über Anhänger der überlieferten Form: „Ich habe den Eindruck, die ganze Begeisterung auch für das Latein hat viel mit Prestige zu tun und falschen Vorspiegelungen einer vermeintlichen Kulturelite“
Diese unbelegt im Stile Gerd Schröders „Der Professor aus Heidelberg“ polternde stimmungsmachende Polemik soll an anderer Stelle noch eine Widmung erhalten.
Tatsächlich aber gab es schon gleich zur Liturgiereform eine Gruppe Briten, die zur kulturellen Elite des Landes gezählt wurde und die sich mit einer Petition bei Papst Paul VI vehement gegen eine Abschaffung der „tridentinischen“ Messe verwahrte – mit Erfolg. Das Erstaunliche: die wenigsten der Unterzeichner waren Katholiken. Deshalb hier einen Toast dazu, der 2011 dargebracht wurde:

>>5th of Novembre from Vatican Station

Vor 40 Jahren erließ Papst Paul VI den „Agatha-Christie-Indult“

„Ah, Agatha Christie ist auch dabei“, soll der Anekdote nach Papst Paul VI. 1971 ausgerufen haben, als er die Unterzeichnerliste eines ihm übergebenen Dokuments studierte.

Nein, das Signum der weltberühmten Kriminalautorin, die ihre Bösewichter gewöhnlich von Miss Marple im englischen Nebel oder von Hercule Poirot auf den Wellen des Nils überführen ließ, fand sich keineswegs unter dem Manuskript eines neuen Mordfalls.

Auch handelte es sich nicht um ein Gesuch der mit dem Katholiken Sir Max Mallowan in zweiter Ehe verheirateten Anglikanerin für eine ökumenische Kommunionpastoral, weil sie etwa die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils dazu ermutigt hätten.

Eher im Gegenteil: Eine Gruppe englischer Künstler und Intellektueller, unter ihnen Philip Toynbee, Baron Yehudi Menuhin, Graham Greene, Vladimir Ashkenazy, Sir Harold Acton, bat den Hl. Vater, auch weiterhin die Feier der „tridentinischen“ Messe zu gestatten, da nach der Liturgiereform durch das Konzil deren baldige Abschaffung drohte. Die traditionsbewußten Briten argumentierten aber erstaunlicherweise nicht theologisch oder mit dem Hinweis, die alte lateinische Messe gelte durch die lange Zeit grausamer Katholikenverfolgungen in England dort als die „Messe der Märtyrer“. Und obwohl sie die Absicht, die “Tridentina“ abzuschaffen, unverblümt mit einer „totalen oder teilweisen Zerstörung von Basiliken oder Kathedralen“ verglichen, gegen die „gebildete Menschen unabhängig von deren Glauben sich erheben müßten“, fordern die gemischtkonfessionellen Unterzeichner der Petition den Erhalt der Missa Tridentina aus rein kultureller Perspektive:

„Der Ritus, der hier zur Diskussion steht, hat auch mit seinem herausragenden lateinischen Text eine Menge von unschätzbaren Ergebnissen in der Kunst inspiriert – nicht nur mystische Schriften, sondern auch Werke von Dichtern, Philosophen, Musikern, Architekten, Malern und Bildhauern in allen Ländern und Epochen“.

Die Empörung der Petitionisten über die befürchtete Abschaffung der alten Messe mündet dann in einen bemerkenswerten Anspruch: „Darum gehört dieser Ritus nicht weniger der universalen Kultur als den Kirchenmännern und offiziellen Christen.“

Soweit die Argumentation. Mag sein, daß bei all deren unbedingter Berechtigung zumindest bei den signierenden Katholiken durchaus auch ein feines diplomatisches Gespür am Werke war, wie der Hl. Vater am besten für das Ansinnen zu gewinnen sei, und man sich auch deshalb der tosenden theologischen Schlachten um die Liturgiereform enthielt.

Papst Paul VI. jedenfalls erteilte umgehend sein Placet und gestattete, mit Auflagen, die Feier der überlieferten Messe neben der neuen für die Kirche von England und Wales. Der anfangs genannten Anekdote geschuldet, wurde der Indult inoffiziell nach Agatha Christie benannt.

Ein Sonderzug sozusagen geleitete am 5. November 1971 vom Vatikan aus die überlieferte Messe ins britische Exil, wo sie nun auch weiterhin hier und da in den eigens für und durch sie errichteten Kirchen ihre Macht und Pracht entfalten durfte.

Die Petitionisten hatten betont: „Es geht uns in diesem Augenblick nicht um die religiöse oder spirituelle Erfahrung von Millionen von Einzelpersonen.“ Aber genau darum ging es ganz gewiß unzähligen Gläubigen im ganzen restlichen Erdkreis, von denen wohl einige an Dame Agathas Buchtitel „Mord im Pfarrhaus“ gedacht haben mögen, auch wenn es sich nicht um einen Krimi, sondern um ein erschütterndes Drama handelte, das für nicht wenige zur Tragödie wurde. Zwar wurde niemand umgebracht, aber man hätte auf die Idee kommen können, denn viele Krimis beginnen ja mit einer Vermißten. Die große, majestätische Feier des heiligen Meßopfers, weit über 1000 Jahre in allen katholischen Kirchen der Welt Tag für Tag zelebriert, war einfach fort.

Zwar stellten einige wenige bald fest, daß die überlieferte Messe nicht gestorben war. Aber man durfte sich nicht mehr mit ihr sehen lassen: die große, schöne, demütig stolze allesüberstrahlende Königin der katholischen Liturgie schien über Nacht zu einer Paria gewandelt. Mutige Standhafte gewährten ihr Asyl, nicht selten tatsächlich – zumindest räumlich – in Katakomben, mutige Diözesanpriester wurden angefeindet und verbannt.

Doch was geschah mit denen, die von diesen Refugien nichts erfuhren oder sich wegen der Behauptung, die alte Messe sei verboten, nicht hinwagten? Was mit den zahllosen, die tränenfeuchten Auges oder zornentbrannt im Kirchhof klagten: das sei doch jetzt keine richtige heilige Messe mehr. Und bald nie wieder gesehen wurden, obwohl sie wie schon ihre Vorfahren bis dahin fast schon in der Kirche gewohnt hatten? Was mit den ungläubig staunenden Schulkindern, die plötzlich ihrer andächtigen, seelisch durchdringenden Traumwelt beraubt, nun als alles übertünchenden Eindruck des Sonntags das fast omnipräsente Gesicht des Pfarrers mit seinen menschlichen, oft allzumenschlichen Minenspielen und den Nachhall seiner vielen, vielen Worte mitnahmen, und ebenfalls meist bald fortblieben? Man unterstelle hier bitte keine Sentimentalität, noch heute höre ich Dutzende tieferschütternde Zeugnisse aus dieser Zeit, sowohl von „Exilanten“ als auch von „Heimkehrern“.

Nachdem sich durch einen weiteren Indult des seligen Johannes Pauls II. in den 1980ern auch innerhalb der Diözesankirchen wieder einzelne Silberstreifen am Horizont zeigten, kam mit dem Motu Proprio ‚Summorum Pontificum‘ vor gut vier Jahren die volle Rehabilitation der altehrwürdigen Liturgie. Seit 2007 ist das gesamte Schienennetz der Una Sancta wieder für die „tridentinische Messe“ freigegeben. Der Halt ist an jeder noch so kleinen Station gestattet. Auch wenn viele Provinzweichensteller noch alle Hebel betätigen, um dies zu verhindern und den die alte Messe liebenden Gläubigen eine nahezu irrationale Aversion aus manchen kirchlichen Gremien entgegenweht: diese Entwicklung grenzt an ein Wunder, nein es ist eines!

Papst Benedikt XVI, und allen, die jahrzehntelang aufopferungsvoll und standhaft für diese Renaissance kämpften, ist allergrößter Dank geschuldet, besonders denen, die diesen steinigen Weg in Treue und Liebe zum Hl. Stuhl gingen!

Auch den Unterzeichnern der Petition von 1971 gebührt größte Anerkennung. Was damals eher als feuilletonistische Delikatesse goutiert wurde, war möglicherweise einer der ersten großen Rückschläge für eine „Hermeneutik des Bruchs“. Eine Handvoll prominenter Köpfe wußten ihren Ruhm recht zu gebrauchen, ein kluges, kurzes Schreiben öffnete ein ungeahntes Tor für die Kirche von England und Wales. Um ganz zu erhellen, warum manche dieses Tor anderswo bis heute verrammeln möchten, wird es noch einiger Hercule Poirots und vieler Miss Marples bedürfen.

„In einer materialistischen und technokratischen Zivilisation, die das Leben des Verstandes und des Geistes in seinem ursprünglichen kreativen Ausdruck – dem Wort – mehr und mehr bedroht, scheint es besonders unmenschlich, die Menschen einer Wortform zu berauben, die zu den großartigsten Manifestationen ihrer Art gehört.“

So heißt es in der Petition von1971. Das ist bis heute in nichts weniger wahr und würde zur Begründung des Erhalts der alten lateinischen Messe allein schon ausreichen. Es gibt weit gewichtigere Gründe. Sei’s drum. Dieses Jubiläum ist allemal einen Toast wert. Thank you very much, Ladies and Gentlemen, where ever you are now: Cheers!<<


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3 Antworten zu Kampf um die „tridentinische“ Messe: Der Agatha-Christie-Indult

  1. Gerd schreibt:

    Interessant. Yehudi? Konnte der nicht genial Geige spielen? Ashkenazy? Klavier? Vielleicht noch das: Als kleiner Messdiener („alte“ Messe) hab ich das Singen in der Kirche gelernt, ganz ohne Noten und Theorie. Heute kann ich gefühlte 50 Kirchenlieder auswendig. Dann wurde aus der alten Messe die kalte Messe. Oh wie ich „Laudato Si“ hasse.

    • Clara Franz schreibt:

      Gerd,
      ich habe den Beitrag von clamormeus leider erst heute angeklickt und er hat mich geradezu aufgerüttelt.
      Gott sei Dank!
      Warum wollte man und möchte man teilweise noch heute den Menschen das nehmen, was sie lieben und woran ihr Herz hängt?
      Es dürfen doch beide Hl. Messen sein und die Gläubigen sollen dorthin gehen können, wohin es sie drängt.
      So sollen doch einige oder viele von ihnen eine Hl. Messe nach altem Ritus besuchen dürfen, ohne sich irgendwie schlecht fühlen zu müssen.

      Nun hätte ich aber eine Frage an Sie, völlig wertfrei und ganz ohne Hintergedanken gemeint:
      Was haben Sie konkret gegen „Laudato si“?
      Was ist es genau, was Sie an diesem Lied stört?
      Es ist banal, das stimmt!
      Doch ich habe es auch schon aus voller Brust mitgesungen, schon deshalb, weil ich Mitglied des OFS bin.
      Es gibt tatsächlich schönere Lieder, besonders die alten, die unser Lob und Preis viel feierlicher, würdiger und schöner zum Ausdruck bringen.
      Auf der anderen Seite sind es aber auch noch weit trivialere Tralala-Lieder, die gern gesungen werden und bei denen ich verwundert feststelle, wie sehr die musikalische Leidensfähigkeit doch bei vielen ausgeprägt ist.
      Denn nach unten sind geschmacksmäßig kaum Grenzen gesetzt.

      • Gerd schreibt:

        „Laudato Si“ ist für mich, wohlgemerkt für mich, der Inbegriff des Einzuges der Banalität in das Sakrale in das Heilige. Der Gesang soll das Herz erheben, es für den besonderen Moment bereiten und nicht in Klampfenmusik einweichen. „Laudato Si“ ist Klampfenmusik, die meinetwegen an ein frommes Lagerfeuer gehört und mitnichten in den Gottesdiensten den Gläubigen vorgesetzt werden darf. Ich erinnere mich noch gut an die verstörten Gesichter der Christen in meiner Heimatgemeinde, als dieses Lied während einer Vorabendmesse, von bunt bekleideten Freizeitmusikern nach dem Kommunionempfang zum ersten Mal vorgetragen wurde. Dieser lockere Lobgesang nahm einfach kein Ende, die Andacht und die Sammlung hingegen schon nach den ersten Tönen. Andacht, Sammlung und Hingabe an den Herrn gelingen, mehr oder weniger, nur mit äußerster Willensanstrengung, die durch würdige Musik durchaus unterstützt wird. Wie geht mir das Herz auf, wenn ich nach dem Kommunionempfang ein schönes Choralvorspiel von J.S. Bach hören darf. Dann ist mein Herz noch näher beim Herrn und wir finden im Klang besser und intensiver zueinander. Deswegen hasse ich dieses musikalische Geeiere mit den Stimmungen, die nur aufgesetzt sind und nur sehr selten unter die Oberfläche gehen. Es sei denn man sitzt am Lagerfeuer und will den Herrn loben. Dann finde ich „Laudato Si“ schon fast angemessen.

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