Der Geschichtenzerreißer – Teil 1

Der Geschichtentenzerreißer

1
Die Rektoratsbotin trat ins Klassenzimmer und verlas : „Wegen Erkrankung der Turnlehrerin Frl. Kußmaul übernimmt heute Herr Cronenberg die Turnstunde für die Knaben der Klassen 2a, b und c.“ Es klang harmlos, aber verursachte ungute Vorahnungen; dieser Umlauf in beiger Kladde kündigte wie ein verschlüsselter Prolog dramatisches Geschehen an. Der Name des Lehrers, Cronenberg, war dabei entscheidend; ich kannte diesen zwar nur vom Sehen, wie man so sagt, aber man sieht ja schließlich so manches.
Die Gänge füllten sich mit Grundschülern, aus dem strömenden Gewirr trieben die Jungen der zweiten Klassen turnbeutelschwingend gen Umkleide, entledigten sich der Kleidung, schlüpften in grau- oder blauschwarze Feinrippleibchen und kurze Höschen, kämpften mit Kleiderbügeln und Turnschuhschleifen und sickerten schließlich in die Turnhalle ein. Der knöcherne, sehr alt wirkende Cronenberg trat schlurfend hinzu – in kariertem Jacket, weißer Leinenhose und Cordschuhen. Schon dies war beunruhigend, denn nie hatte man hier je einen Menschen in zivil gesehen; selbst der Hausmeister, dieser eigentümliche Passant öffentlicher Räume, als einziger hier gelegentlich in unsportlicher Mission unterwegs, trug stets seinen grauen Arbeitskittel samt der ominösen Werkzeugkiste. In einer Turnhalle hatte man sich also entweder als Sportler oder als Hausmeister zu verkleiden; durch Cronenbergs Abweichung wurde dieses Gesetz plötzlich ebenso greifbar wie auch seine Übertretung. Zudem beging der Zivile das Sakrileg, in Straßenschuhen anwesend zu sein.
Seltsam verloren ging der fremde Lehrer auf und ab, erwiderte keinen der gemurmelten Grüße, er schien sich nicht um uns zu scheren. Erneut brachte er so eine weitere bis dahin unerkannte Regel des Schulbetriebs in die Bewußtheit: ein Lehrer betrat den Raum und gab sofort das weitere Geschehen vor; dies war in den eineinhalb Jahren, seit denen man uns zur Schule schickte, immer so gewesen. Diese plötzliche Entfremdung von gleich zwei Gesetzmäßigkeiten löste allgemeine Ratlosigkeit aus; man war so nicht mehr recht Schüler in der Turnstunde, aber auch nicht draußen in Freiheit; Cronenberg ließ all die fragenden Blicke unbeantwortet und wandelte wie umdämmert stumm zwischen den Reliquien des Turngötzen, den Recks, Barren, Gummimatten, Böcken, Ringen, verweilte kurz hier und dort, aber sprach kein Wort. Diese Art Zwischenreich taugte nicht für Kinderseelen; man spürte die Last des verwirrten Fremdlings und wollte sie abschütteln.Schnell verständigten wir uns: Da Frl. Kußmaul für heute Fußball versprochen hatte, zählten wir Mannschaften ab, -nach der traditionellen „Katzentäpperle“ – Methode, die für die letzten fünf oder zehn gewählten immer etwas diskriminierendes in sich barg, schnappten einen Ball und legten mit Gebrüll los; da der Fremde immer noch abwesend herumirrte, verlor er en passant vollends seinen Lehrerstatus, und wurde nun als eine der allgegenwärtigen, erwachsenen Aufsichtsikonen betrachtet, die bei derlei bewegten Begebenheiten, wie unbestellte Komparsen im Hintergrund, bestenfalls nicht im Wege herumstanden. Das Match tobte und wogte auf und ab; der Lehrer hatte sich auf einen Mattenwagen niedergelassen, starrte ins Leere und war fast vergessen.

Doch urplötzlich schallten schrille Pfeifentriller durch die Halle, zerschnitten Spiel und Stimmung. „Halt“ brüllte Cronenberg „Stop! Wer hat euch denn gesagt, daß ihr ballspielen sollt? Aus!“ Irritiert starrten ca. drei Dutzend Augenpaare auf den Lehrer, dessen eben noch fast entrücktes Gesicht zu einer wütenden Maske ertarrt war. „In Reih und Glied aufstellen, aber dalli“ zischte er. Keiner hatte eine Ahnung, was er damit meinte, oder besser, jeder eine andere, so daß sich mehrere irgendwie geordnete Formationen ergaben, Längs- und Querreihen, Zweierketten sowie ein Cordon in der ganzen Arena verstreut. „Nein, nein, nein!“ schrie Cronenberg in die nun verängstigte Menge. „Die kleinsten nach vorn!“ befahl er „Die größten nach hinten!“ bis er uns schließlich fuchtelnd und zerrend in drei Reihen dirigiert hatte. „Den Rumpf beugt – zugleich!“ forderte nun Cronenberg, und stieß erneut bei den meisten auf semantisches Unverständnis. „Ihr könnt ja gar nichts! Was lernt ihr denn bei dem Fräulein Dingsda, etwa ballspielen? Leibesertüchtigung heißt das Fach, Menschenskinder! Haben wir denn keine Turner hier?“ Er ließ einen vortreten und hieß ihn, uns anderen vorzuexerzieren. “Sehr gut!” Wir mußten nachturnen. „Zu dick! Zu plump! Zu schwach! Zu ungelenk!“ höhnte Cronenberg mit verächtlichem Blick. „So und so und so! Nochmals“ brüllte er diesen an oder zerrte an jenem herum. Niemand traute sich mehr zu lachen selbst angesichts des karrikaturhaften Gezappel des tobenden alten Mannes. Stattdessen lachte der höhnisch über uns. „Mens sana in sana corpore!“ proklamierte er, „Was heißt das? – Wißt ihr nicht? Gesunder Geist im gesunden Körper, Menschenskind!“ Sana? Das klang nun alles andere als gesund. „Sana, sana, sana!“ blödelten einige leise herum. „Keine Müdigkeit vorschützen!“ brüllte Cronenberg und trieb gestikulierend die ganze Meute an. Der dürre Mann mit dem fahlen Teint, dickem, schwarzen Brillengestell eilte kreuz und quer durch die Reihen, bog und zog an Bubenarmen und Bubenbeinen, drückte Schultern zurecht, drehte an Köpfen und Knien, hastete hierhin und dorthin, außer sich geratend über die wirbelnde Unordnung unserer jungen Gliedmaßen. Bald kam er selbst aus der Puste, wie ein irre taumelnder Kämpfer, der diese turnleibchenbewährte, lebenszuckende Kaulquappenmenge, die hier sonst unter freundlich anspornenden Kommandos oder rhythmischen Tambourinwirbeln Frl. Kußmauls sprossenwandstürmend, völkerballtrunken, bockspringend und trampolinfliegend heumtollte, unter allen Umständen in geometrisch-symmetrische Muster zwingen wollte. All die freien Glieder und freien Lungen zur Ordnung rufen! Man konnte in Cronenbergs fanatisch verzerrtem Gesicht, in seinen starr leuchtenden Augen, seine Vision ablesen: Synchron getaktete Hampelmänner wollte er vor sich sehen. Er brüllte, drohte, spornte an, beleidigte und zischte, bis er selbst darüber zum hilflosen, wenn auch einsamen Hampelmann wurde, als hätte all unser geballtes widerspenstiges Leben ihm selbst nun jeden Takt geraubt.
Auf einen Schlag hielt er anscheinend erschreckend inne, mit ihm fast alle anderen auch. „Immer weitermachen!“ befahl er leise, setzte sich auf einen kleinen Bock und versank wieder in die Trance des Stundenbeginns; unverwandt in einem Notizbuch blätternd, würdigte er uns keines Blickes mehr. Unendlich lange 10 Minuten zappelten wir pro forma weiter, bis uns endlich das schrille Läuten der Klingel aus der gespensterhaften Stille dieses Schattenreichs erlöste. „Sana, sana, sana!“ schallte es bald laut rhythmisch und lachend aus der Umkleide.

Diese Turnstunde schien eine unerfreuliche Episode zu bleiben, eine Laune des mysteriösen Umlauforakels, daß sonst durchaus auch schöne Verheißungen wie „Unterrichtsausfall“, „Hohlstunde“ und „hitzefrei“ offenbaren konnte. Doch der Schein trog.

-Fortsetzung folgt-

Copyright: clamormeus

Vorbemerkung zur Serie „Rückblicke“ hier

Teil 2

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