Der Geschichtenzerreißer – Fünfter und letzter Teil

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Der Geschichtenzerreißer war tot. Ab und zu dachte ich an ihn, die Turnstunde, den Aufsatz, den Schulhof. Gut möglich, daß er in seinen bösen Anfällen gar nicht Herr seiner Sinne gewesen war. Aber ich trug ihm ohnehin nichts mehr nach.

Die Zeit verging. Geschichtenzerreißer samt ihren feixenden Meuten kamen und gingen, in vielen Gestalten und alle taten es auf andere Weise. Allmählich lernte ich, ihnen auszuweichen. Es ist töricht zu versuchen, sie mit immer besseren Geschichten zu gewinnen. Wenn einem ihr Beifall egal ist, können sie den Geschichten nichts mehr tun. Man muß hinnehmen, daß man von ihnen nicht gelitten wird. Sonst verhöhnen sie die Geschichten bald schon in dir, wenn du sie schreiben willst. Sie gelingen dann nicht mehr, weil du ihren feixenden Stimmen darin Raum gegeben gegeben hast. Und irgendwann wirst du sie selbst zerreißen und wirst vielleicht sogar einer von ihnen. Nein, hüte deine Geschichten, erzähle sie nur denen, die sie hören möchten.

Cronenberg war im Grunde nicht einmal der erste Geschichtenzerreißer gewesen. Aber der erste, der mir die Augen öffnete über Geschichtenzerreißer und ihre Claqueure. Die seinen, dachte ich einmal launig Jahre später, haben sich wohl derweil immer die gleiche langweilige Geschichte erzählt und sie tun das noch heute und morgen: wie sie mit den Eltern in den Laden gingen und Schuhe kauften. Später gingen sie allein in den Laden, und kauften ein Paar Schuhe. Dann gingen sie mit dem Partner in den Laden, um Schuhe zu kaufen; schließlich gingen sie mit ihren Kindern Schuhe kaufen. Und zu guterletzt nicht selten wieder allein. Nichts weiter ist dabei passiert.

Das habt ihr davon. Selber schuld. Ich kann euch nicht mehr helfen. Die kleine Pointe hatte ihre Zeit, die ist vorbei. Sinnlos, auf sie zu warten. Cronenberg hatte den kleinen Hund vor der Zeit aus dem Schuhgeschäft gejagt, er kann nicht mehr kommen. Soll ich ihn neu erfinden? Das wäre kindisch. Der Hund mit dem Damenschuh im Maul war ein Kinderspaß für Kinder. Ich könnte ihn zwar ohne diese Geschichte rumlaufen lassen, aber was soll ich mit einem Hund ohne Geschichte? Vielleicht aber hätte ich ihn wenigstens in ein Heim für arme Hunde aus zerissenen Geschichten bringen sollen.

Die kleine Pointe, für die mein Hund eigens in die Welt kam, hatte ihre Zeit und die ist um. Sinnlos, auf sie zu warten. Unglaublich, wie viele Leute immer Schuhe kaufen! Warten sie immer noch auf genau diese geraubte Pointe, die ja nur ich kenne, weil ihr diese Geschichte vernichtet habt und sie und euch um diese Pointe gebracht habt?

Auch die vornehme Dame wird nicht mehr kommen, es könnte die Alte sein, die mit einem Schuh in den Straßen herumirrt und in euren Mülltonnen kramt. Ich bin mir nicht sicher, aber sie sieht ihr etwas ähnlich. Die läßt man in kein Schuhgeschäft mehr rein. Auch ihre Geschichte habt ihr zerissen, weil ihr das Geschäft und ihren Heimweg und ihr Haus damals auf einen Schlag abgerissen habt, alles war weg, nur noch euer Hohngelächter hörte sie und dann floh sie vor den bösen Augen eures Lehrers und irrt seitdem verloren im Niemandsland umher und weiß nicht, wer sie ist, wo sie zuhaus ist und warum sie nur einen Schuh hat. Seht ihr? Auch eine zerissene, herrenlose Geschichte geht weiter. Die ist dann nicht schön, nicht lustig, nicht erbaulich, nicht spannend.

Und wünscht euch besser nicht einmal, daß der freche, niedliche, kleine Hund meiner Geschichte in den Laden kommt, wenn es euch beim Schuhkaufen öde wird. Der Geschichtenzerreißer hat ihn meiner Obhut entrissen. Ich habe ihn nicht wieder eingefangen, weil ich euch keine Geschichten mehr erzählen wollte. Der Hund ist ein wilder Streuner geworden und mächtig gewachsen seitdem. Er würde heute etwas ganz anderes tun, als jemanden einen Schuh zu stehlen. Ich fürchte, ihr hättet diesmal nichts zu Lachen auf Kosten anderer, wenn er kommen sollte. Er denkt gar nicht mehr daran, euch zu unterhalten. Tadelt mich dann nicht, wie gesagt, ich habe diesen Hund nicht mehr an der Leine und er würde nicht auf mich hören. Ich hab keinerlei Macht mehr über ihn und was er tut, geht mich nichts mehr an.

-Ende-

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4 Antworten zu Der Geschichtenzerreißer – Fünfter und letzter Teil

  1. Admiral schreibt:

    Das war’s schon?

    :-)

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