Unbedingter Artenschutz oder Entwertung der Kunst durch Beliebigkeit?

Eine leidenschaftliche Debatte löste dieser Post von Geistbraus aus, der darin vertritt, daß (auch) der Satz „Das ist keine Kunst“ selbst nur in Relation zu einem konkreten Werk gebraucht, letztlich zum einen eine Beleidigung des betreffenden Künstlers sei, zum anderen eine zumindest latente Gefahr in sich berge, eine Haltung zu befördern, die zu Pogromen wie im Nationalsozialismus gegen mißliebige Kunst und ihre Urheber führen könne und deswegen zumindest öffentlich zu unterlassen sei.
Der Post zeitigte weitere, bei Geistbraus selbst und auch bei Hochwürden Alipius. Im neuesten finden sich hier alle Links dazu.
Ich habe auch auf Geistbraus Combox unter anderem und vor allem der Unbedingtheit seiner Aussage widersprochen, und möchte hier losgelöst von hitzigen Threads, die oft geprägt von Mißverständnissen durch Begriffs- und Kontextunschärfen, diesen und noch ein paar Gedanken zum Thema vertiefen, was aber mehrere, vermutlich drei bis vier Teile erfordern wird, denn das Sujet ist sehr verwickelt. Kommentare hier dazu sind natürlich dennoch jederzeit herzlich willkommen. Der Titel mag die Richtung andeuten.

1)
Zweifellos, es gibt heute keine allgemein akzeptierte Definition mehr dessen, was Kunst sei.
Der allgemeine Tenor lautet, es sei also alles als Kunst zu betrachten, was irgendjemand als Kunst bezeichnet und darüber hinaus: jedes Werk oder Projekt eines sich als Künstler verstehenden Menschen.
Das hindert aber keineswegs Einzelne, durchaus eine mehr oder weniger strenge Definition davon zu pflegen, was er als Kunst gelten läßt und was nicht. Diese Maßstäbe können aber müssen nicht kunsttheoretischer Art sein; viele fällen solche Urteile aus ihrem Kunstempfinden heraus, nicht wenige urteilen einfach nur nach ihrem persönlichen Geschmack andere auch aus einer eher politischen oder moralischen Motivation.

Es besteht so gesehen nicht ein -vielfach beklagter- Mangel an verbindlichen Maßstäben, sondern ein Übermaß an individuellen, also für die Allgemeinheit unverbindlichen.
Heißt das aber, daß ich ein persönlich vorhandenes Kriterium deswegen für mich zu behalten habe, oder es nur privat anwenden dürfe? Natürlich nicht, sagt Clamormeus. Warum wird in den folgenden Teilen dargelegt werden.

Zunächst aber ist vorauszuschicken, daß die Rezeption von Kunst üblicherweise und ganz überwiegend im Grunde die eines konkreten Werkes ist, nämlich jenes Werkes, dem die darüber Sprechenden persönlich begegneten.

Man geht ja nicht zur Kunst, sondern ins Konzert, ins Theater, ins Ballett. Ich lese auch keine Literatur, sondern Gedichte oder Romane. Ich sehe keine Künstler, sondern Schauspieler und Tänzer auf der Bühne, die von Regisseuren oder Choreographen geführt wurden und einen Stoff deuten, und die damit Teil eines Werkes sind, der meist von einem Dichter zuvor gedeutet wurde, höre Musiker, die das Werk eines Komponisten aufführen. Ich betrachte im Normalfall ein Gemälde oder eine Skulptur und sage nicht, ich habe mir bildende Kunst von xy angesehen. Das Wahrgenommene spricht mich entweder in verschiedenen Graden an, stößt mich ab, oder hinterläßt mich im Zwiespalt.

Man begegnet also zuerst und vor allem einem konkreten Werk. Wer sich dazu äußert, wird in der Regel auch über genau dieses Werk sprechen. Im allgemeinen wird man dabei nicht darüber debattieren, ob dies nun ein Kunstwerk sei, geschweige denn erörtern, ob dieses Werk überhaupt der Sphäre der Kunst zuzurechnen sei.
Die einen werden weitgehend bei den Kategorien „gefällt mir/gefällt mir nicht/Ich weiß nicht“ bleiben, ein Kunstsinniger kann vielleicht detailliert artikulieren, was ihm gefiel und was nicht, der Genrekollege wird gleich ergänzen, an was es genau lag und selbst der weitschweifendste Kritiker, der auf gleich drei kunsttheoretische Diskurse rekurriert und als ein einziger Anwesender in einem neckischen Detail des Werks eine augenzwinkernde Paraphrase auf eine Aktion der Künstlergruppe Blauer Schleicher von anno dazumal erkannt zu haben meint, spricht im Normalfall vom konkreten Werk und gibt am Ende seinen Senf dazu ab, wie alle anderen auch, im weiten Spektrum von jubelnder Begeisterung, Ambivalenz bis zur völligen Ablehnung des Werks.

Die Frage, ob das wahrgenommene Werk Kunst sei, stellt sich also im Normalfall gar nicht. Dies wird von den einen stillschweigend vorausgesetzt, andere kämen erst gar nicht auf den Gedanken, daß es sich um Kunst gehandelt haben könne.

Wann aber stellt sich diese Frage doch? Wem stellt sie sich? Mit jeweils welchem Ansinnen?

Fortsetzung folgt

Über clamormeus

Männlich (ohne Disclaimer). In Kürze mehr (ohne Gewähr).
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Versuche abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s