Westliche Regierungen – muslimbruderblind?

Selbst, nachdem nun schon innerhalb einiger Tage an die hundert Kirchen und christliche Einrichtungen aller Konfessionen angegriffen, dabei oftmals gebrandschatzt und zerstört wurden und auch Privateigentum von Christen – Wohnhäuser, Hotels und Geschäfte – niedergebrannt wurden und auch viele Muslime sich zu Bürgerwehren vereinen um Leib und Leben, Hab und Gut vor dem Zerstörungsrausch der Anhänger der Muslimbrüder und ihrer islamistischen Sympathisanten zu schützen, wird die einseitige Verurteilung des rigorosen Eingreifens der Armee vorwiegend in westlichen Staaten kaum ungebremster.

Man mag sich nur noch mit Grausen abwenden, wenn man das Gerede mancher westlicher Politiker und Journalisten hört, das die Muslimbrüder als Flaggschiff einer sich entwickelnden Demokratie verkauft, das von den Militärs nun  quasi grundlos weggeputscht wurde und deren „friedlichen Prosteste“ gegen den Umsturz mit brutaler Gewalt niedermetzle.

Erschreckend ist auch, wie viele Kommentatoren hierzulande anscheinend der Ansicht sind, irgendeine durch einen Mehrheitsentscheid allgemeiner Wahlen an die Regierung gelangte Gruppierung habe in Bezug auf Recht und Gesetz quasi diktatorische Narrenfreiheit oder dürfe wirtschaftliche Privilegien und Persönlichkeitsrechte nach Gutdünken auf Anhänger verteilen und sie Mißliebigen entziehen.

Aber selbst die formale Legitimation des Mehrheitsentscheides wurde und wird nun vehement hier angezweifelt, in dieser Meldung der Stuttgarter Nachrichten wird sogar kolportiert, die Militärs hätten das Ergebnis zugunsten Mursis verfälscht, die Wahl habe eigentlich ein Anhänger Mubaraks gewonnen, was die Armee gravierende Unruhen befürchten lassen habe. Da aber nur von „nicht namentlich genannten hohen Militärs“ als Quelle die Rede ist, mag das Spekulation sein.

Eine der explizit abweichenden Stimmen im schaurigen Kanon erhebt der ägyptische Schriftsteller und Journalist Chalid al-Chamissi in der FAZ:

„Die Masken sind gefallen“

Die Maske der Muslimbrüder, die ihnen das Aussehen einer nichtkonfessionellen, nicht den Anderen ausschließenden Gruppierung verleihen sollte, ist gefallen; die Maske derer, die angeblich an den demokratischen Staat glauben. Nun ist ihr wahres Gesicht zum Vorschein gekommen als eine religiöse Gruppierung, die nur sich selbst verherrlicht, die Ägypten verachtet und an der Errichtung eines islamischen Kalifatsstaats von Indonesien bis Marokko arbeitet. Zum Vorschein kam zum Beispiel auch die sogenannte fünfte Kolonne der Muslimbrüder. Und zum Vorschein kam Mohamed El Baradeis Gesicht, das viele seiner Parteianhänger enttäuschte.

Mit Anempfehlung des gesamten Artikels, der auch eine durchaus plausible Analyse offizieller westlicher Reaktionen analysiert, und hier abrufbar ist.

Auch aus dieser Perspektive wird deutlich – neben dem reinen Überlebenskampf, für den es nicht nur für alle Christen sondern ebenso für viele Muslime wie auch die Säkularen Ägyptens geht- warum die meisten Ägypter sich in der jetzigen Situation hinter die Militärs stellen und sie unterstützen. Was bitte bliebe ihnen übrig?

Das macht zwar die Militärs gewiß nicht zu den „Guten“, aber stärkt immerhin die Ägypter in der Hoffnung, daß in diesem Konflikt die Kräfte der Diktatur und der Barbarei nicht obsiegen werden. Und auch, daß unsere koptischen Brüder und Schwestern, wie die anderen Christen dort, nicht völlig zum Freiwild für terroristische Fanatiker werden. Die Frage stellt sich gerade: kümmert ersteres wie zweiteres westliche Regierungen noch irgendwie? Zweifel sind leider sehr angebracht, trotz einiger Räusperer neuerdings.

Gott sei mit allen Ägyptern guten Willens!

Zur Empfehlung auch: Brennendes Land hier beim Capitano

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2 Antworten zu Westliche Regierungen – muslimbruderblind?

  1. Clara Franz schreibt:

    Zunächst war ich auch schockiert, als ich von der gewaltsamen Räumung der Camps durch das Militär hörte.
    Inzwischen hat sich meine Sicht der Dinge verändert.
    Welch ein Hass auf Christen drückt sich hier aus? Woraus speist er sich?
    Die Christen hatten ja keine bevorzugte Stellung in der ägyptischen Gesellschaft, die diese Aggression begründen könnte.
    Aber generell habe ich ein Problem mit Militärregierungen.
    Dass Zeitungen hier wie auch in anderen Bereichen so einseitig informieren ist ein Thema für sich.

    • clamormeus schreibt:

      Das Problem mit der Militäregierung, wer hätte es nicht, und sicher haben es auch die vielen Millionen Muslime und Christen, die sich in dieser Situation hinter das Militär stellen, weil es die einzige Chance war, die Diktatur der Muslimbrüder zu beenden.
      Die gehen mit Muslimen, die sich gegen sie stellen, genauso um, daß sie dabei wenigstens auf Moscheen abfackeln verzichten, liegt auf der Hand.

      In den Livetickern ging’s anfangs noch ungefiltert zu, da wurden die „friedlichen“ mit allem möglichen bewaffneten Demonstranten von einem Steinhagel der Anwohner empfangen, die sich mit dem bißchen, was sie hatten bewaffneten, um sich und ihre Häuser zu schützen; die Gewalt eskalierte dann, als die MB eine Polizeistation mit Schußwaffen angriffen.

      Die Situation v.a. als Machtkampf zwischen Militärs und der MB darzustellen, wie auch vieles sonst in der hiesigen Berichterstattung, ist einfach nur widerwärtig, vor allem das Verschweigen des Brutalitätsexzesses der Islamisten gegen die Christen.

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