Beter in Städten 1

Wie mein Tag gestern war? Verzicht auf’s Frühstück. Gildet nur halb, weil so früh aufgestanden und so mühsam, daß dieser Tag ohne eine Tasse Kaffee ganz auf mich verzichten hätte müssen. Gildet nur viertels, da ich spät genug aufstand, um zu der Messe im Dominikanerritus hetzen zu müssen und ohnehin keine Zeit gehabt hätte, etwas zu essen.

Diese Messe war auserkoren, meine Gebete dort vor allem den Christen im Nahen Osten zu widmen. Gildet auch nur halb, weil ich ohnehin sowieso endlich mal da hingehen wollte. Sie fand aber immerhin an der Peripherie der Kirche statt, wörtlich. Nämlich in einer kleinen Kapelle des angegliederten Klosters, die direkt an die Kirchenmauer grenzt und durch ein Balkonfenster tiefe Ausblicke in das Schiff preisgibt, bei weihrauchfreiem Himmel (war gegeben, da, keine Messe in der Kirche um diese Zeit). Eher Cherubim- als Puttenperspektive von der Höhe her und dann noch „Fürstenkapelle“ genannt, insofern vielleicht etwas aristokratisch für den Anlaß. Dafür aber auf dem Fußboden gekniet. Gildet nur halb, es waren ohnehin nur Kniebänke für zwei da.

Gebetsintention verwirklicht, gildet auch nur halb, da große Freude und Faszination am mir bisher noch unbekannten Ritus und als Liturgiejunkie nolens volens Differenzen dieser zur römischen Forma Extraordinaria registrierend, wenn auch nur und immerhin: peripher.

An der Perpherie des großen schönen Platzes vor der Kirche hinterher Kaffee Nummer zwei sowie an einem Stück Brot genagt, dafür aber keinen Tabak für die Morgenzigarette dabei. Gildet nur halb, hatte ihn schlicht vergessen. Gildet gar nicht, da meines auch mitanwesenden Lieblingsministranten Fluppenvorrat angeplündert (US – amerikanische Marke noch dazu!!!). Angeregte Gespräche auch über Krieg und Frieden, aber auch allgemein über die Kirche und dabei mitunter weniger friedliche Gedanken geäußert.

Im U – Bahnschacht zeigte die Uhr dann 12. Den Syrern und Ägyptern gewidmetes Angelus auf Bahnsteig begonnen, im Waggon fortgeführt. Gildet. Und mehr Peripherie geht kaum!

Diverse Gebete am Nachmittag, persönliche und andere. Halbe Semmel zernagt und Kaffee, die dritte und vierte. Ohne Zucker selbstverständlich! Beschluß, die einzig offizielle Beteiligung einer großen Kirche hier an dem Gebetsaufruf des Papstes nicht wahrzunehmen. Nicht aus Prinzip, sondern aus früheren Erfahrungen mit ähnlichem dort. Gildet!

Stattdessen Spaziergang bis zu einem begrünten Platz, auf Bank an dessen Peripherie kurz weitergebetet, dann aber ins Studium des Interviewbuches mit Kardinal Scheffcyk hineingeglitten. 17:57 in Metzgerladen gerannt und Schweinshaxe und eine Flasche Korn geordert, in drei Minuten ist schließlich Feiertag und wat mut dat mut. Das laß ich mir von keinem vermiesen! Gildet nicht, da gelogen Beim Sechs Uhr Läuten dann aber laut das gewidmete Angelus gebetet, und die Stimme auch bei plötzlich vielen Passanten, mutmaßlich Andersgläubige, nicht gesenkt! Gildet halb, wer versteht schon Latein? Nein, gildet dreiviertel, da Kreuzzeichen jeder versteht.

Dann ab ins Web zum Petersplatz, gerade Ende Rosenkranz. Lauretanische Litanei mitgebetet, natürlich nicht ad screenem! Gildet. Mich sehr erfreut an den hingegeben Betenden. Wie schön das ist! Und endlich, endlich wieder auf dem Petersplatz diese so mächtig beredte Stille gespürt, die lauter ist all unsere Glocken. So wie sie am Morgen ein Priester, ein Ministrant und eine Handvoll Beter zustandebringen durften. Beinah jedenfalls. Wenn da unten nicht jemand etwas auf der Orgel geübt hätte, wobei der Spieler wundersamerweise so orgelte, als unterstreiche er gezielt unsere Meßteile: Tusch bei der Kelchelevation, Fanfare vor dem Vaterunser, obwohl er weder von der Messe wußte, geschweige denn, uns sehen konnte. Göttliche Harmonie! Gildet. Oder der NSA ist doch überall.

Das schenkt Frieden, möge er auch im Nahen Osten einziehen. Allein das gildet jetzt. Nein, ich habe zur Nacht auch noch für Nähere gebetet. Gildet.

Clamormeus

Anmerkung: Unter „Beter in Städten“ folgen Episoden, um was es geht, besagt der Titel. Selbst und von anderen Erlebtes, oder von mir an Anderen gedeutes und auch mit Anderen, die erfunden sind.

Über clamormeus

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2 Antworten zu Beter in Städten 1

  1. Clara Franz schreibt:

    Also ehrlich: Ich hab´s nicht geschafft zu fasten.
    Den Mordshunger hätte ich auch mit viel gutem Willen und reichlich Gebet nicht übergehen können.
    Die Arbeit im Garten war einfach zu anstrengend, hat aber am Ende ein gutes Gefühl hinterlassen.
    Der für mich stärkste und bewegendste Moment der gestrigen Gebetswacht war:
    Thomas von Aquin´s wunderbares „Adoro te devote“ und die sich daran anschließende Stille der Anbetung.
    So viele tausend Menschen, vereint in minutenlangem Schweigen.
    Wo doch sonst die Welt keine Stille erträgt und stets lärmen muss!
    Dies war ein starkes Zeichen! Was mag sich in so manchen Herzen bewegt und geöffnet haben und was wird vielleicht dabei aufgebrochen sein?
    Dass sich die Herzen der meisten Politiker vom gestrigen Gebetsabend beeinflussen ließen, glaube ich eher nicht.

    Übrigens, clamormeus, dass Sie so häufig das Wort „gildet“ verwendet haben, hat mich sehr gefreut.
    Hier im Badischen gehört es zum Dialekt und steht für *gilt*.
    Aber das sagt kein echtener Badener!
    Vielen Dank also!
    „Des gildet!“

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