„Mit dem Tod kann man sich nicht versöhnen“ – Zum Tod von Marcel Reich-Ranicki

Der Literaturkritiker Marcel Reich Ranicki starb gestern im Alter von 93 Jahren. R.I.P.!

Ich schreibe diesen Post nicht, weil ich ein Anhänger seiner Art Wirkens als Literaturkritiker gewesen wäre, ganz und gar nicht. Aber das tut hier nichts zur Sache. Etwas erschrocken und erschüttert habe ich dieses Interview gelesen, das letzte, das er vor seinem Tod gab.


Sie sind kein religiöser Mensch. Viele Religionen versprechen ein Weiterleben nach dem Tod. Würden Sie gern in einer Religion Trost finden?

Nein. Es gibt kein Weiterleben nach dem Tod. Das ist Wunschdenken. Marx nannte Religion Opium fürs Volk. Es ist wichtig, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist. Auch wenn mir nicht gefällt, was ich sehe. Es hat keinen Sinn, sich selbst zu betrügen. Religion ist wie eine Brille, die den Blick auf die Wirklichkeit trübt, die bittere Realitäten hinter einem milden Schleier verschwinden lässt. Deshalb wehren sich die Anhänger der Religionen auch so vehement, diese Brille jemals abzusetzen. Aber für mich ist das nichts. Selbst im Ghetto habe ich versucht, die Dinge so zu sehen, wie sie sind und mir nichts vorzumachen.

Das ist eine gängige Redensweise. Ein allfälliges Schema: Ich weiß, was und wie die Wirklichkeit ist. Der Gläubige erträgt das nicht, er will sich die Dinge schön reden und milder träumen. Über so was steh ich drüber. Selbst angesichts meiner Zeugenschaft eines Exzesses menschlicher Verbrechen und Grausamkeit kam es mir nicht in den Sinn, mich der Illusion, es gäbe Gott hinzugeben.

Nun geht es hier nicht um die Frage der Gottesgerechtigkeit, weder in im Sinn der Anklage „Herr, wie konntest du diese Verbrechen zulassen?“ noch in dem der Empörung „Wenn du das zuläßt, bist du ein böser Gott!“. Es ist ein geradezu heroisch stilisierter Nihilismus, der das Sein Gottes kategorisch verneint.

Das ist eine recht häufig anzutreffende Haltung, und. das sei gesagt, um jeder Psychologisierung entgegenzutreten, auch bei Menschen, die die alltäglichen Höhen und Tiefen des Lebens durchschreiten, die durchaus Bitteres, aber selten solche Vorhöllen durchschreiten mußten, wie Reich Ranicky sie im Ghetto erleiden mußte.

Eines fällt mir immer wieder als typisch auf: man gibt sich gewiß, daß mit dem Tode einfach alles aufhört, man sei einfach nicht mehr da. Gleichzeitig sind es gerade oft diese Menschen, die sich besonders schwer mit dem Sterben tun. Liegt darin nicht ein großer Widerspruch?
Wenn ich doch sicher bin, daß ich einfach weg sein werde und aufhöre zu sein, kein Gericht mich erwartet, kein ewiges Leben in Herrlichkeit sich verheißt, keine ewige Pein droht, warum dann dieses Aufbegehren gegen den Tod, das manche sogar nach der Pille zu irdischer Unsterblichkeit und ewiger Jugend begehren läßt? Wäre nicht die eigentliche furchtbare Konsequenz solcher Haltung: ja, wenn ich krank und schwach und voller Schmerzen bin, dann töte ich mich selbst und alles Leiden ist vorbei? Diese Haltung, die ja auch die unseligen utilaristischen Debatten über „Sterbehilfe“ und das neuerliche Auflodern zynischer Diskussionen über „lebensunwertes Leben“ nährt, vertrat Reich-Ranicki offenbar nicht.

Man mag also hoffen, daß dieses Hängen am Leben, das Fürchten des Todes, doch die Stimme eines freilich betäubten Gewissens ist, das darum weiß, das man so nicht dem Herrn gegenübertreten sollte, und die verbliebene Frist des Daseins zur Umkehr verliehen ist. Und daß dies das einzig wesentliche Versäumnis eines irdischen Menschenlebens ist, und zudem das einzige, daß man auch in hohem Alter trotz aller Gebrechen noch nachholen kann.

Und ich mag hoffen, daß Marcel Reich-Ranicki diese Frist noch genutzt hat.

Ich sage dies öffentlich, da Marcel Reich-Ranicki als öffentliche Person Wirkung auf viele hatte. Das Vermächtnis dieses seines letzten Interviews soll als sein persönliches Zeugnis nicht bekrittelt werden. Dennoch soll ihm hier entschieden widersprochen sein.

Die Verheißungen Christi zu glauben sind der einzige Weg, uns mit dem Tod zu versöhnen. Wer meint, der Weg der Nachfolge Jesu sei eine Droge, die die bittere Realität mit mildem Licht betäube, spricht offenbar als gänzlich Ahnungsloser.

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6 Antworten zu „Mit dem Tod kann man sich nicht versöhnen“ – Zum Tod von Marcel Reich-Ranicki

  1. Clara Franz schreibt:

    Jetzt ist uns Marcel Reich-Ranicki voraus.
    Voraus, was die andere Ebene betrifft, voraus aber auch im Wissen.
    Er weiß (?) nun mehr als wir.
    Ich hoffe für ihn -und auch für mich-, dass er dabei die Art von Überraschung erlebt hat, die er nicht für möglich hielt:
    Sich einem liebenden und barmherzigen Gott gegenüberzusehen.
    Barmherziger, -Pardon- wie er manchmal in seinen Verrissen war.

  2. Gerd schreibt:

    Zitat: >>Ich habe einmal gesagt, was mich am Tod vor allem schreckt, ist die Gewissheit, nicht mehr die Zeitungen des nächsten Tages lesen zu können. Ich möchte gern erfahren, wie es weitergeht. Ich möchte dabei sein. Ich will immer wieder die nächste Zeitung lesen. Aber das geht nicht, irgendwann ist Schluss.<<

    Das verstehe ich nicht. R.R. möchte "dabei sein", also ewiges Leben sozusagen und weigert sich hartnäckig an ein solches zu glauben?

  3. dezembra schreibt:

    Ein beeindruckender Mann, den die Welt vermissen wird… http://dezembra.wordpress.com/2013/09/19/adieu-marcel/

  4. Elsa schreibt:

    Ein guter Eintrag. Ich bin allerdings eine große Liebhaberin seiner Arbeit gewesen, denn ich habe mich selten mehr vergnügt als wenn er voll leidenschaftlicher Emphase sowohl lobte als auch verdammte. Er hat Leidenschaft an der und für die Literatur transportiert wie kein zweiter. Um Inhalte geht es mir dabei gar nicht. Und deshalb ist es auch so schwer verständlich für mich, wie so jemand, dem es immer um Kunst, Schönheit, ja das Höhere Schaffen des Menschen ging, wozu Menschen fähig sind, sich und ihr Innerstes zu transponieren, wenn so jemand das letztlich scheinbar herunterbricht auf ein Banales: Da ist nichts weiter.
    Denn wenn da nichts weiter ist – wozu dann diese Leidenschaft für das Höhere?
    Das sind meine Gedanken – unausgereift freilich – zum Eintrag.

  5. clamormeus schreibt:

    Vielen Dank für die Reaktionen,

    werde bald antworten!

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