Kardinal Ratzinger: Geltendes Kirchenrecht zur Ehe „ist Auftrag des Konzils“

1998 unternahm es Joseph Kardinal Ratzinger, auf vier innerhalb der Kirche kursierende Einwände gegen deren Lehre zur sakramentalen Ehe einzugehen und diese zu widerlegen. Dabei wendet er sich u.a. gegen das Ausspielen von Recht und Liebe, Pastoral und Lehre und verteidigt die geltenden Regelungen explizit als Auftrag des Zweiten Vatikums gegen Anwürfe, diese seien dem Konzil entgegengesetzt.

ZU EINIGEN EINWÄNDEN GEGEN DIE KIRCHLICHE LEHRE ÜBER DEN KOMMUNIONEMPFANG VON WIEDERVERHEIRATETEN GESCHIEDENEN GLÄUBIGEN

Hier einige Zitate:

Wenn die Kirche die Theorie annehmen würde, daß eine Ehe tot ist, wenn die beiden Gatten sich nicht mehr lieben, dann würde sie damit die Ehescheidung gutheißen und die Unauflöslichkeit der Ehe nur noch verbal, aber nicht mehr faktisch vertreten. Die Auffassung, der Papst könne eine sakramentale, vollzogene Ehe, die unwiderruflich zerbrochen ist, eventuell auflösen, muß deshalb als irrig bezeichnet werden. Eine solche Ehe kann von niemandem gelöst werden. Die Eheleute versprechen sich bei der Hochzeit die Treue bis zum Tod.

Es ist [aber] unangemessen, zwischen der personalistischen und der juridischen Sichtweise der Ehe einen Gegensatz aufzurichten. Das Konzil hat nicht mit der traditionellen Eheauffassung gebrochen, sondern sie weiterentfaltet. …
Daß Ehe weit über das bloß Rechtliche in die Tiefe des Menschlichen und ins Geheimnis des Göttlichen hineinreicht, ist zwar immer schon mit dem Wort Sakrament ausgesagt, aber doch oft nicht mit der Deutlichkeit bedacht worden, die das Konzil diesen Aspekten gewidmet hat…Wenn die Neuordnung des Rechts nach dem Konzil auch den Bereich der Ehe umgreift, so ist dies nicht Verrat am Konzil, sondern Durchführung seines Auftrags.

Was die Position des Lehramts zur Frage der wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen anbelangt, muß zudem betont werden, daß die neueren Dokumente der Kirche in sehr ausgewogener Weise die Forderungen der Wahrheit mit jenen der Liebe verbinden. Wenn früher bei der Darlegung der Wahrheit vielleicht gelegentlich die Liebe zu wenig aufleuchtete, so ist heute die Gefahr groß, im Namen der Liebe die Wahrheit zu verschweigen oder zu kompromittieren. Sicherlich kann das Wort der Wahrheit weh tun und unbequem sein. Aber es ist der Weg zur Heilung, zum Frieden, zur inneren Freiheit. Eine Pastoral, die den betroffenen Menschen wirklich helfen will, muß immer in der Wahrheit gründen. Nur das Wahre kann letzten Endes auch pastoral sein. „Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien“ (Joh 8,32).

Mit Empfehlung des gesamten Dokuments, das – freilich sehr kompakt- die Dimension umreißt, die jetzt insbesondere durch das offen propagierte Hinwegsetzen des EB Freiburgs über das Kirchenrecht der Una Sancta berührt ist. Nicht nur ob der verhandelten Frage, die keine geringere ist, als Unauflöslichkeit der sakramentalen Ehe und die schwer genug wiegt, sondern auch wegen des Bekenntnis zum Rechtsbruch und Ungehorsam an sich, das auf jedes theologisches Argument verzichtet, und sich letztlich mit rein sozialen Begründungen rechtfertigt, die den Umkehrschluß zulassen, daß der Empfang der Heiligen Kommunion selbst letztlich auch als nichts anderes betrachtet wird, denn als sozialer Event.

Die Beschwichtigungsformeln der Art „das ist doch in vielen Bistümern längst Praxis, kein Grund zur Aufregung“ hinterlassen mich rat- bis fassungslos. Hier vollzieht sich unverblümt eine Umkehrung jener verzeihenden Güte, die in der Kirche immer an Jesus Christus gebunden war: eine propagierte Barmherzigkeit, die auf das „Kehre um und sündige fortan nicht mehr“ verzichtet und stattdessen die Sünde negieren will, indem es gegen von der Kirche als göttlich und nicht „nur“ kirchlich überliefertes Recht offen ignoriert und sabotiert. Eine wenn auch „typisch deutsche“ Revolution, die, angesichts der Bischofsvakanz in Freiburg nach der Maxime Risikominimierung operiert und gründlich die Klaviatur kalkulierten Beifalls kirchenfeindlicher Journalisten und das von diesen gezeichnete Bild des neuen Papstes zu bedienen weiß, freilich noch nur Testballoncharakter hat.

Auf die offizielle Reaktion des Heiligen Stuhls darf und muß man gespannt sein. Ich persönlich würde derzeit keine Wetten abschließen, in keine Richtung.

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3 Antworten zu Kardinal Ratzinger: Geltendes Kirchenrecht zur Ehe „ist Auftrag des Konzils“

  1. Gerd schreibt:

    >>Auf die offizielle Reaktion des Heiligen Stuhls darf und muß man gespannt sein. Ich persönlich würde derzeit keine Wetten abschließen, in keine Richtung.<<

    Eigentlich hat Jesus schon alles zu dem Thema gesagt: "Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen." und "Gehe und sündige von nun an nicht mehr." So einfach kann Theologie sein. Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass der Papst seinem Herrn da ins Wort fallen wird.

    • Clara Franz schreibt:

      Nein, vorstellen können wir uns das nicht!
      Ob sich Papst Franziskus allerdings an unsere Vorstellungen hält, muss offen bleiben.
      Nicht offen bleiben jedoch sollte seine Haltung zu Jesus Christus und SEINEN Vorgaben.
      Verunsicherung greift um sich!
      Wir werden sehen, ob und was evtl. 2014 vorgegeben und beschlossen wird.

  2. apavkovic schreibt:

    Die falsch verstandene Barmherzigkeit ist Ergebnis der – so nannte es vor ein paar Jahren ein französischer Philosoph – Tyrannei des richtigen Fühlens. Dass z. B. wiederverheiratete Geschiedene nicht ‚Anspruch‘ auf die hl. Kommunio nhaben, „fühlt sich falsch an“, also muss es falsch sein. Nicht dass es da wirklich einfache Antworten gebe. aber dAS Evangelium ist an sich in der Tat einfach (nicht immer einfach zu leben). Wie sagte der gute Chesterton: Das Christentum wurde nicht etwa ausprobiert und für zu leicht befunden. Es wurde für zu schwer befunden und nicht ausprobiert.

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