MEZ reloaded – das Angelus beginnt wieder viertel vor 12!

Die Uhren sind nun wieder eine Stunde zurückgestellt. Heute, wenn die Glocken 12 läuten, beginnen wir in München das Angelusgebet wieder traditionell um ca. 11 Unr 46. Die Berliner sind  dichter dran am Mittag, bei denen ist bezeichnenderweise tatsächlich 5 vor 12, die Freiburger sind weiter weg, die Pariser und Madrilenen noch viel mehr.

Denn wenn die Glocken zwischen Ende Oktober und Ende März 12 schlagen, ist es in der Zone der MEZ nur exakt entlang des 15. östlichen Meridians exakt und tatsächlich Mittag, z. B. im sizilianischen Catania, im österreichischen Waldviertel, haarscharf an der deutsch-polnischen Grenze entlang und in einigen skandinavischen Regionen.

Bevor man Eisenbahnfahrplänen zuliebe ganze Landstriche unter das Joch einer vereinheitlichten Uhrzeit diktierte, hatte jeder Ort, zumindest jeder größere, seine ihm eigene, dem natürlichen Tagesablauf entsprechende Ortszeit. Die Angelusglocken schlugen 12, als es auch wirklich Mittag war, also wenn die Sonne im Zenit stand. Der „Engel des Herrn“ ertönte also in einer kleinen sanften Welle von Ost nach West, pro Längengrad je um vier Minuten später, jeweils Punkt Mittag. Von den Steppen Rußlands und den Wüsten des Orients über das Mittelmeer und die Alpen, über den Ärmelkanal nach England und Irland, bis er, der Engel des Herrn, dann an Amerikas Ostküsten wieder an Land ging, durch Tropenwälder und über die Rockys schritt um dann über den Pazifik weiterzuschweben.

Heute dagegen gibt es stündliche Eruptionen, dann beten alle einer Zeitzone gleichzeitig das Angelus. Überall schlagen dann die Glocken oder zeigt die Uhr 12, aber fast nirgendwo ist es dann wirklich Mittag, und dann betet 57, 58, 59 Minuten keiner den Engel des Herrn, erst dann folgt die nächste Eruption in der westlich benachbarten Zeitzone und so fort. Dazwischen: ein gähnendes Loch, der Engel des Herrn verstummt.

Fotos Mariensäule | München

Die sogenannte Sommerzeit hatte uns MEZler sogar jeweils noch eine Stunde weiter entfernt. Immer wenn im Sommer, die Kirchenglocken um 12 Uhr MESZ zum Angelus riefen, was in München Gott sei Dank noch etliche tun – in der Innenstadt vermengen sich die mehrerer großer Kirchen sogar zu einem wunderbaren Meer, doch die touristischen Menschenscharen, die sich dann um die Mariensäule drängen, sehen nicht auf zur goldenen Statue der Heiligen Jungfrau, sondern begaffen, angezogen vom Glockenspiel des Rathauses, das sich respektlos und aufdringlich dem Ruf zum Lobpreis der Gottesmutter und Stadtpatronin entgegenstellt, ein an sich wenig unterhaltsames Figurenspiel im Rathausturm- ist es in Wahrheit in München erst ca. 10: 46! Hätte ich das Angelusgebet in dieser Periode wirklich mittags sprechen wollen, an jenem höchsten Punkt der Sonne, wie es sich gehört, hätte ich warten müssen, bis die Uhr ca. 13:14 zeigt.

Tja, so ist das mit den Traditionen, wenn man mal annimmt, der Angelus Domini sei früher überwiegend wirklich genau an der Wende und Mitte des Tages gebetet worden, an jenem höchsten Punkt, um dem Ereignis zu gedenken und das „Fiat mihi“ der Maria zu feiern, das unser aller Schicksal zum Guten wendete. Nichts paßt dazu besser als der Wendepunkt des Tages. Jener der volksgläubigen Tradition anhängende Angelusbeter würde mich aber gewiß zum Spinner erklären, wenn ich ihm sagte, daß er hier dann erst um Viertel nach Zwölf, von Ende März bis Ende Oktober sogar erst Viertel nach Eins beten dürfe. „Saupreiß, modernistischer!“ würde er mich empört heißen. Ihn interessiert nur, daß es „Mittag läutet“, nicht ob es tatsächlich Mittag ist.

Aber ich weiß ja, daß in Wirklichkeit er der Modernist ist. Und daß der Unterschied fundamental ist. Und so füge ich mich nachgiebig, und bete halt auch mit den anderen, wenn es läutet, sonst werden es ja noch weniger, die es zusammen tun.

Aber: wenn sich in jeder Zeitzone zwei oder drei oder gern mehrere im Geiste versammeln würden, um fortan Punkt Mittag zu beten, ich wäre für diese hier dabei! Klammheimlich würden wir der getakteten künstlichen Zeit der Maschinen und Fahrpläne ein Schnippchen schlagen und die sanfte Welle wanderte wieder rund um die Erde, und da soviele in Flugzeugen überall dort hin und herschwirren, wäre sie jetzt wohl nirgends mehr unterbrochen.

Kein reizloser Gedanke eigentlich, oder? Noch besser wäre allerdings, die wahren Ortszeiten wieder einzuführen und vor allem auch jenen grauen Männchen in den Arm zu fallen, die sich schon drauf freuen, uns nächsten März wieder eine Stunde zu stehlen, indem sie die Uhr vorstellen und uns alle zu Hampelmännern ihrer Willkür machen. Aber fangen wir halt so an. Irgendwann schlagen wenigstens die Kirchenglocken wieder richtig! Oder?

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Männlich (ohne Disclaimer). In Kürze mehr (ohne Gewähr).
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4 Antworten zu MEZ reloaded – das Angelus beginnt wieder viertel vor 12!

  1. Clara Franz schreibt:

    Das Angelusgebet auf Reisen
    „Diese kleine, schöne Welle von Ost nach West“ – ich sehe sie förmlich vor mir!
    Wie sie sich von Land zu Land schiebt, über Berge und Ozeane hinweg, still und sanft und doch beharrlich!
    Eine wunderbare Vorstellung, leider nur das.

  2. Frischer Wind schreibt:

    Ein wunderschönes Foto! Selbst geschossen?
    Und interessante Überlegungen…

  3. Roth.Eugenie schreibt:

    Keine wunderschöne Vorstellung. JEDER kann mitmachen. Links, wie man die Zeit errechnet, gibt’s bei mir, der schon ausgeloggten Eugenie Roth

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