Dies Irae II

Hier die gestern angekündigten Gedanken zu Allerseelen.

Der Allerseelentag war ein guter Tag sich wieder einmal näherzubringen, was eigentlich die Essenz der frohen Botschaft ist: wir dürfen hoffen, vom Tod und der Verdammung errettet zu werden. Mit welchem Ernst die Kirche die Dramatik des Todes eines Menschen würdigte, welche Kräfte sie dabei entfachte und zu bündeln wußte, um für die Verstorbenen um Gnade und Milde beim Herrn zu flehen, manifestiert sich im Requiem, der Totenmesse, die an Allerseelen die Liturgie bestimmt. Introitus, Tagesgebet, Graduale, Tractus, Offertorium, Communio und Postcommunio sind ein einziger, inniger Bittruf zum Herrn, den Toten gnädig zu sein, ihre Sünden zu vergeben, ihnen die ewige Ruhe zu schenken in seinem ewigen Licht.
In der Sequenz „Dies irae“ steht dagegen plötzlich das Subjekt, der Einzelne, der sich seiner Situation angesichts des bevorstehenden Gerichts bewußt wird, in das er hineingestellt ist (hier die Übersetzung des Schott – Meßbuchs):

„Tagt der Rache Tag den Sünden
wird das Weltall sich entzünden
Wie Sybill und David künden“

Der Richter wird kommen. alles zu streng zu prüfen; laut schallen die Posaunen bis in die Gräber, die alle, jeden vor Gottes Thron zwingen. Niemand kann flüchten. Das Lebensbuch wird aufgeschlagen, keine Schuld ist vergessen.

Dies hält dem Subjekt des Hymnus seine Situation vor Augen:
„Weh! Was werd ich Armer sagen?
Welchen Anwalt mir erfragen,
Wenn Gerechte selbst verzagen?“

Nun erst wendet sich der Rufende, fleht um Gottes Barmherzigkeit:

„König schrecklicher Gewalten
Frei ist Deiner Gnade Schalten
Gnadenquell, laß Gnade walten“

Diese Strophe, der Wendepunkt der Sequenz von der Verzweiflung des Sünders zur Hoffnung, sagt etwas wesentliches:
Gott allein kann die Gnade gewähren; und die wird, wie jede Gnade, frei und unverdient gewährt, oder eben nicht.
Das Gericht ist keine fürsorgliche „pastorale Maßnahme, zu der man womöglich „eingeladen“ wird. Und Gnade ist kein „Menschenrecht“, sie ist überhaupt kein Recht. Sie ist etwas, auf daß wir nur hoffen können, ja müssen.

Heute wird auch in unserer Kirche vielerorts die unendliche Güte Gottes in den Vordergrund gestellt; die soll hier nicht angezweifelt werden. Doch wird unterschlagen, daß Gott auch anders kann; daß er nicht nur der unendlich Liebende, sondern auch der Allmächtige und Gerechte ist. Es klingt, überspitzt formuliert, aus manchem Predigermund so, als habe Gott gar keine andere Wahl als alles und allen zu verzeihen. Ja fast, als habe er gar kein Recht dazu!
Was als Akzentverschiebung von der polemisch als „Drohbotschaft“ bezeichneten Möglichkeit der Verdammnis zur Betonung der Hoffnung auf Errettung vielleicht gut gemeint war, scheint nicht nur vereinzelt, sondern schon flächendeckend zur völligen Verneinung der Option Gottes, uns seine Gnade nicht zu gewähren, mutiert zu sein. Wie selten hört man einen Priester heute noch wenigstens sanft mahnen, daß sich niemand seiner Sache gewiß sein kann und darf? „Wenn selbst der Gerechte zittern muß“ zumal.

Im „Dies irae“ dagegen wendet sich der Sünder nun flehend Christus als Fürsprecher zu, er wirft alles hinein, bekniet ihn: „Willst Du Dein Werk, Deine Mühen, Dein Opfer an mir vergebens gewesen sein lassen?“ Seufzend, schamrot, schuldbefangen wirft er seine Reue in die Waagschale, bittet um Verschonung und Aufnahme in den Himmel. Am Ende dann fügt sich auch die Sequenz in das gemeinsame Bitten der Kirche um Milde, Vergebung und Gnade für die Toten und die früher oder später Sterbenden ein, daß alle anderen Teile des Propriums der Totenmesse vereint.

Für was aber, fragt man sich heute oft, soll man denn so innig flehen, wenn ich und andere anscheinend ohnehin nichts zu befürchten haben? Für was soll ich mich schämen, was bereuen, beichten und büßen, wozu umkehren – wenn es dessen gar nicht bedürfte? Besteht nicht die schreckliche Gefahr, den wesentlichen Auftrag der Kirche, die Rettung der Seelen, in einem selbstzufriedenen, trägen und sogar verführerischen „ruchlosen Optimismus“ aufzulösen?

(hier die Fassung aus Mozarts d-moll Requiem)

Wenn es etwa nach diesem „Dies irae“, in der Fassung von Mozart, der die Dramatik des Ringens sehr plastisch und spektakulär, fast demonstrativ in äußere Klangräume wirft, in der Predigt sinngemäß heißt: „Man muß sich nicht groß anstrengen, die Gnade des Vaters zu erlangen, man kann sich im Sterben einfach fallen lassen wie der verlorene Sohn, der zum Vater heimkehrt“ mag das tröstend empfunden und gedacht sein, auch für Angehörige eines Verstorbenen. Aber ohne den Aufruf zum ständigen Ringen, um sich und andere, ohne den Appell sich stets vor Augen zu halten, um was es in unserem Tod, im Tod eines jeden Menschen geht: um ewige Seligkeit oder ewige Pein und um was es dann besonders in unser aller Leben geht, so lange wir noch etwas tun können, auch wenn wir der Gnade Gottes letztlich immer am meisten für ein „Happy End“ bedürftig sind, drängt sich diese Frage geradezu auf.

Nun habe ich einige Requiems in der überlieferten Form erleben dürfen, zum Gedenken oder eben bei einer Beerdigung. Eine herzensgute ältere Dame war dem Ringen mit den vielen Gebrechen, von denen sie lang geplagt wurde unterlegen. Die Totenmesse hielt ein Priester, der sie persönlich nicht gekannt hatte. Er griff aber alles auf, was er über sie gehört hatte von Angehörigen und Freunden, sie wurde überall geliebt, hatte ihr Leben dem Dienst an anderen und dem Gebet aufgeopfert, und hatte trotz ihrer Leiden stets für alle ein tröstendes bezauberndes Lächeln, ein zärtliche Geste und ein aufmunterndes Wort.
Der Priester würdigte dies sehr einfühlsam und treffend in der Homilie und bat dann ganz behutsam aber eindringlich, mit aller Kraft für sie zu bitten, denn selbst eine solch wunderbare Frau könnte vielleicht doch etwas versäumt haben, was nur Gott wisse. Und alle folgten dem und jeder, der sie kannte, wußte, dies war das, was sie selbst gewünscht hatte. Die Kraft dieser Totenmesse entfaltete sich ganz, erfaßte auch andere Verstorbene, denen von Anwesenden mitgedacht wurde und auch alle Beter selbst. Und beim Abschied am Grab, war sich jeder ganz unmittelbar der Dramatik des Todes bewußt und doch gleichzeitig erfüllt von der Hoffnung auf die göttliche Verheißung ewigen Lebens.

Und die Fürbitte und Aufforderung zum Gebet des Priesters auch für denjenigen oder diejenige aus der Trauergemeinde, der oder die als nächstes sterben wird, und jeden unwillkürlich denken läßt: „es könnte ich sein, vielleicht schon morgen“ wirkt als Ermahnung wie als Aufruf und Ansporn, die unendliche Gnadenfülle Gottes zu ergreifen, und keinesfalls als Drohbotschaft.

Über clamormeus

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5 Antworten zu Dies Irae II

  1. Ester schreibt:

    Danke dafür, wenn ich sterbe wünsch ich mir auch ein gescheites Requiem und nicht so ein bescheuertes Auferstehungsamt!
    Vor über 40 Jahren habe ich, (war bei uns im Dorf Brauch) bei Beerdigungen immer Kerzen hinter dem Sarg hergetragen. Mir kam das immer feierlich vor, erinnern tu ich mich jedoch nur an das „De profundis“ .
    Als Gefühl habe ich mitgenommen, der Tod ist eine ernsthafte Angelegenheit, etwas das mit Zittern und Zagen zu tun hat, so wie du es ja gut beschreibst!
    Bei modernen Beerdigungen muss ich immer ein Lachen unterdrücken (bin sehr anfällig für Situationskomik), weil der Priester halt so unglaubwürdig rüberkommt,

  2. Kassandra schreibt:

    Am Donnerstag waren wir auf dem Friedhof, um die Gräber von Blättern zu säubern. Es gab gleichzeitig ein Urnenbeisetzung mit kath. Pfarrer. Der Trauerzug ging an unserem Feld vorbei und alle Leute, die an den Gräbern beschäftigt waren, nahmen die Mütze ab und blieben andächtig stehen. Nicht so die recht vielen Teilnehmer des Trauerzuges. Sie kicherten, lachten und erzählten anscheinend Witze. Eine lustige Beisetzung halt. Die Zuschauer waren alle etwas konsterniert.
    Ich frage mich, woher kommt dieses Verhalten ? Ist es mangelndes Wissen, nicht wissen wollen, sich nicht beschäftigen wollen mit dem Tode? Mit dem eigenen Tod? Ich hatte den Eindruck, die Leute waren froh, daß es den Verstorbenen erwischt hat und nicht sie selbst. Wenn ich mit älteren Leuten spreche, meinen fast alle, hoffentlich dauert es noch, hoffentlich geht es schnell und hoffentlich merke ich nichts davon.
    Was könnte die Kirche, der einzelne Priester dagegen tun? Oder ist es unmöglich der vorgegebenen öffentlichen Meinung mit Erfolg anzukämpfen.

  3. clamormeus schreibt:

    Danke für die Antworten!

    ,Also ich glaube und hoffe, und weiß es auch von einigen, daß Priester, denen das (noch) ein Anliegen ist, die Wege finden, die nötig sind. Es ist ja sein Metier, das oft und dringlich genug anzusprechen, gerade heute, wo man im Trend den Tod verdrängt, und ihn gleichzeitig als sinnloses Übel bekämpft oder als bloßes Woanderssein „esoterisch“ banalisiert. Versuchen muß er es auf jeden Fall als guter Hirte.

    Und daß er jedenfalls allen Verstorbenen seiner Gemeinde ein Requiem liest und auch kirchenferne Hinterbliebene auf die Dringlichkeit hinweist und auch die Bestattung rituell leitet.

    Umgekehrt: wenn er selbst schon meint, daß alle Toten automatisch gerettet sind und man nur ein geschulte Sätzchen zum Trost der Hinterbliebenen performen muß…

  4. Clara Franz schreibt:

    Wenn man es recht bedenkt, ist der Tod gewissermaßen der „Höhepunkt“ des Lebens und alles, wirklich alles strebt diesem Höhepunkt zu, konzentriert sich auf diesen Moment.
    Es ist ein geradezu dramatischer Akt.
    Und wir wissen: Nach ihm kommt auf dieser Erde nichts mehr!
    Ist es daher sinnvoll, einen solch wichtigen Endmoment aus unseren Gedanken zu verbannen?
    Ich kann aufrichtig sagen, dass ich keine Angst vor dem Sterben habe, zumindest gilt das für jetzt.
    Wie das in späteren Jahren sein wird, muss offen bleiben.
    Seit einem schlimmen Unfall vor zehn Jahren, den sicher scheinenden Tod vor Augen, empfinde ich keine Angst mehr vor dem Ende.
    Danach habe ich zu einem lebendigen Glauben gefunden.
    Ich weiß mich an der Hand Gottes. Aber wir müssen auch nach dieser Hand greifen wollen.
    Und immer im Zwiegespräch mit IHM bleiben und in Seiner Gegenwart.
    Dann dürfen wir auf Sein Entgegenkommen hoffen! Daran glaube ich fest!
    Ich bete dafür, dass ich -wenn es einmal so weit ist- wach sein darf und bewusst den Endmoment wahrnehmen und annehmen kann, vertrauensvoll loszulassen.
    Wenn es irgend geht, möchte ich nicht mitten im Schlaf oder in Bewusstlosigkeit sterben.
    Aber nicht mein Wille geschehe, sondern der Seine!

    • clamormeus schreibt:

      Ich würde noch weiter gehen und sagen: wir dürfen nicht nur, wir müssen auf Sein Entgegenkommen hoffen.
      Ob der Herr nun irgendeinen Wert auf meine Anstrengungen legt, weiß ich auch nicht.

      Aber dieser Aufruf im Dies irae: mach dir wenigstens immer wieder klar, daß du es sowieso nicht verdient hast, gerettet zu werden (und ich würde das sogar weit ausdehnen, obwohl ich weiß, das es sehr viele gibt, die weitaus weniger sündhaft sind als ich) also bitte wenigstens anständig, den kann man doch nicht so flatrateoptimistisch heilsgewiß wegschieben, mag’s auch für manche heutige Ohren fast anmaßend klingen, daß sie irgendeine Schuld auf sich geladen hätten, bzw., daß es deswegen „eng“ werden könnte..

      Und ist das nicht ein herausragendes Zeugnis des Gottvertrauens, zu sagen: Herr, Du wirst doch wegen mir Idiot nicht Dein Opfer vergebens sein lassen? :-)

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