Nochmal rote Schuhe

Die Bloggerkollegen Braut des Lammes und Kikreukreu haben sich bereits lesenswerterweise zu diesem Beitrag auf dem Blog Laudetur Jesus Christus geäußert. Mittlerweile äußerte sich noch Damasus vom Beiboot. Für Irritationen und Kopfschütteln stand dabei besonders dieser Rückgriff Pater Hagenkords:

Bei der Vorstellung der Botschaft in einer Pressekonferenz hat eine italienische Medienexpertin – Chiara Giaccardi – einen Satz gesagt, der bei mir hängen geblieben ist. Sie sprach von einer kopernikanischen Wende in der Kommunikation, die bei Papst Franziskus deutlich werde: Unter Kommunikation sei nicht mehr die Weitergabe von Inhalten zu verstehen, sondern die Reduzierung von Distanz.

Dieser Analyse wird im Beitrag von Laudetur Jesus Christus zugestimmt und sie wird als positiv bewertet

Bei seinem ersten Erscheinen, seiner ersten Kommunikation mit den Menschen auf dem Petersplatz vor fast einem Jahr hat sein „Buona Sera!“ genau diesen Effekt gehabt: Er stand oben, die Menschen unten, er auf einer Art Bühne, die Menschen vor ihm, aber durch den einfachen Gruß hat er sich auf Augenhöhe begeben. Und alle haben das sofort verstanden.

Der Papst steht für eine Kirche der abnehmenden Distanzen. Sprechen und Kommunizieren informiert nicht, sondern schafft Einheit und Begegnung. Und davon können wir gar nicht genug bekommen.

Die eine Frage ist halt: welche Einheit würde mit wem geschaffen? Den Endpunkt „abnehmender Distanzen“ jedenfalls nennt man in Deutschland nicht zu Unrecht Distanzlosigkeit. (das Wort „Begegnung“ sagt ohnehin nichts über die Qualität derselben aus). Wer kann aus welchem Grund davon nicht genug bekommen?

Romano Guardini, dessen Buch „Welt und Person“ ich gerade aus ganz anderem Anlaß wieder rausgekramt hatte, bringt es wunderbar auf den Punkt:

Zum Du wird mir der Andere erst dann, wenn die einfache Subjekt-Objekt- Beziehung aufhört. Der erste Schritt zum Du ist jene Bewegung, welche „die Hände wegnimmt“ und den Raum freigibt, worin die Selbstzweckdienlichkeit der Person zur Geltung kommen kann. Sie bildet die erste Auswirkung der „Gerechtigkeit“ und die Grundlage aller „Liebe“. Die personale Liebe beginnt entscheidenderweise nicht mit einer Bewegung zum anderen hin, sondern von ihm zurück. Im gleichen Augenblick verändert sich auch meine eigene Haltung. Im Maße, in dem ich das zuerst nur als Objekt gesehene Wesen zur Haltung des aus eigener Mitte hertretenden Selbst freigebe und es zu meinem Du werden lasse, gehe ich meinerseits aus der Haltung des gebrauchenden oder kämpfenden Subjekts in die des Ichs über.

Wer würde dem aus eigener Erfahrung widersprechen?

Wenn aber tatsächlich die Botschaft des Distanzverminderns Ursache des Formverzichts ist, degradierte in diesem Fall nicht der Hirte die Herde zum Publikum, zum teils applaudierenden Objekt eines berecheneten Zwecks? Wäre nicht die von Guardini skizzierte ICH- DU Beziehung aufgehoben, weil das herausgehobene und handelnde Subjekt, der Papst, das ICH, das im Moment seiner Wahl eben in das des Petrusamtes übergeht, nicht einnimmt,allein  indem er „distanzvermindernd“ mit  Formbrüchen sein Amt antritt? Das DU wäre mitvernichtet, zum Kalkül der intendierten Botschaft degradiert. Wie sollte jemand ein DU sein können, auf den man direkt unbekanntermaßen zugeht, ihn womöglich umarmt, ohne sein ICH, seine Person im geringsten zu kennen?

Pater Hagenkord interpretiert Papst Franziskus so:

Selbst Menschen, die kein Italienisch oder Spanisch verstehen, wird sofort klar, was dieser Mann will, wenn man ihn sieht. Man schaut ihn an und versteht, was Religion ist.

Abgesehen davon, daß die meisten Kirchen- und/oder Glaubensfernen, mit denen ich spreche, ihn aufgrund der hiesigen Medieninterpretationen so verstehen, das sämtliche kirchliche Fundamente nun endlich über Bord geworfen würden:  damit wäre auch gesagt, daß der, der diese Fundamente stiftete, Jesus Christus, ein Defizit hatte, weil er ausdrücklich darauf bestand, daß seine Worte, die des Wortes Gottes, recht zu verstehen seien, und diese schufen nun einmal die größtmögliche Distanz aller Zeiten. Rettung oder Verdammung.

Wenn Papst Franziskus mit Worten denn nun tatsächlich nichts mitteilen wollte – warum darf man dann den Eindruck haben, daß er „gefühlt“ schon mehr davon gemacht hat in knapp einem Jahr, als die meisten Päpste bisher in ihrem gesamten Episkopat?

 

 

Über clamormeus

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2 Antworten zu Nochmal rote Schuhe

  1. Frischer Wind schreibt:

    „…eine Kirche der abnehmenden Distanzen…“?
    „…kopernikanischen Wende in der Kommunikation…“?
    „…Sprechen und Kommunizieren informiert nicht, sondern schafft Einheit und Begegnung.“?
    Sprechen und Kommunizieren ohne Information???

    Ich habe selten einen größeren Unsinn gelesen (einer davon war die Aussage – ebenfalls von P. Hagenkord SJ (!) – dass das Wort „Glaubensgehorsam“ „ein schreckliches Wort“ sei, aber das ist ein anderes Thema…).

    „Kommunikation (lateinisch communicare „mitteilen“) ist der Austausch oder die Übertragung von Informationen“ (wikipedia). Kommunikation ist immer die Übermittlung von Informationen. Es gibt keine Kommunikation ohne Information.

    P. Hagenkord muss sich wohl fragen lassen, ob er weiß, dass es bei der Sendung der Kirche nicht um Distanzlosigkeit und Einheitsbrei geht, sondern um die Erfahrung der Liebe Gottes, um die Erlösung und Rettung des Menschen durch Annahme des Glaubens und persönliche Umkehr.

    Der Papst hat die (informelle) Aufgabe, das christliche Gedächtnis für die Gläubigen zu sein (John H. Newman), d. h. sie immer wieder an die Offenbarung Gottes und das Antwortgeben darauf zu erinnern. M. E. tut Papst Franziskus das ganz offensichtlich. Da liegt P. Hagenkord also (wieder einmal) voll daneben, wenn er Franziskus eine inhaltslose Kommunikation unterstellt. Im Gegenteil, es ist genau anders: Jede seiner (Papst Franziskus‘) Reden, Gesten, Umarmungen, sind eine Information an den jeweiligen Menschen und stellvertretend an jeden Menschen: Sie sagen: „Du bist von Gott geliebt, sei treu. Und wenn du den Glauben noch nicht kennst: Komm und sieh!“ Das ist sehr informativ!

    Das ist die Botschaft von Franziskus – wie aller Päpste – und nicht irgendein Einheitsbrei um des Einheitsbreis willen, wie P. Hagenkord begeistert behauptet.

  2. Ester schreibt:

    Also ich kann auch kein Italienisch oder Spanisch, aber ich versteh immer weniger was „dieser Mann“ (also Papst Franziskus) will. Und unter Religion versteh ich was anderes, als ein „wir haben uns alle lieb“ oder „jeder der hier ist, ist ein netter Mensch“ Feeling.
    Religion ist primär etwas was Kult hat, etwas was das profane in den Raum des sakralen hieneinhebt und das nur kann, weil von dem Sakralen (dem Göttlichen) Kunde gekommen ist.
    Man lese zu diesem Zweck Kardinal Ratzinger „Glaube-Wahrheit-Toleranz“.
    Das besondere am Christentum ist, dass Gott selber Kunde gebracht hat, und damit dem religiösen Kult sagt „Das was du glaubst, das gibt es wirklich“.
    Der Glaube erlöst uns von der verzweifelten Fixierung aufs Innerweltliche.
    Und genau das vermisse ich schmerzlich bei Papst Franziskus.
    Es gibt ergreifende Weihnachtsgeschichten aus der unmittelbaren Nachkriegszeit (W. Borchert Draußen vor der Tür. z.B,. wo der Duft eines gebrochenen morschen Stück Holz alles ist was man hat) In diesem Duft liegt aber die ganze Weihnachtsfülle, weil es diese Fülle, dass Gott Mensch geworden ist real gib.
    Man kann Gott, Hat mir mal ein Franziskanerpater in der Diskussion über das Buch von Borchert gesagt, in einem Gänseblümchen entdecken, (und das ist der Weg aller Asketen) aber nur weil es Gott mehr und anders ist, als alle Fülle der Welt.
    Und das ist mehr und anders, als soziale Gerechtigkeit.

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