Lewitscharroff pfui, wagnerianische Spermien hui?

Sybille Lewitscharroff hat mit ihrem Vortrag im Dresdner Theater –hier nachzulesen–  jede Menge Wirbel entfacht. Dazu finden sich in fast jeder Zeitung ein oder mehrere Kommentare, die sich besonders an Lewitscharroffs düsterer Anmutung von künstlich erzeugten Embryonen, die sie als „Halbwesen, halb Mensch, halb…was weiß ich“ bezeichnete, entzündete. Da dazu schon so viel gesagt wurde und die Dichterin mittlerweile versichert hat, daß sie diesen Begriff nicht auf konkrete, künstlich gezeugte Kinder bezog, und diese nicht herabsetzen wollte, will ich mich an dieser Stildebatte nicht eigens beteiligen. Alexander Kissler hat im Cicero dazu Richtiges und Wichtiges gesagt.

Und in Richtungen, wo Lewitscharroffs Rede gar schon wieder die Debatte befeuert, wo für wen und welche Position die Grenze der Meinungsäußerungsfreiheit zu justieren sei, möchte ich einfach konstatieren: in einem Land, in dem Pöbler Katholiken als „Mitglieder einer Kinderf….sekte“ bezeichnen dürfen, und dies juristisch nicht als Beleidigung gewertet wird, ist diese Debatte aus diesem Anlaß ein bißchen arg leicht zu durchschauen; möglich, daß ja gerade deshalb manche mit aller Verrenkung versuchen, aus der schwäbischen Protestantin Lewitscharroff eine Katholikin zu machen.

Die Fragen nach den  Auswirkungen rund um die  Zugriffsmöglichkeiten der Fruchtbarkeitsindustrie, auf die menschliche Fortpflanzung und das Leben überhaupt, die die Büchnerpreisträgerin aufwirft, der auf einen immer ausufernderen Wunscherfüllungsanspruch vieler trifft, dürfen und müssen gestellt werden. Reduzierung der Befruchtung auf technische Funktion, per PDI gescreente Keimzellen, Benutzung von Frauen als Mietbrutkästen u.v.m. breiten sich auf der ganzen Welt aus, und verändern diese grundsätzlich. Ethische Grenzen werden sukzessive ausgeweitet, im gleichen Maße schwindet bei vielen die Bereitschaft zu irgendeinem Verzicht, die Entkoppelung von Sexualität und Fortpflanzung enthemmt sich ins Grenzenlose.

Kollega Elsa hat hier ins Konkrete gehend vorgelegt. Ich möchte etwas lockerer in die Thematik einsteigen, obwohl ich nachfolgendes Interview im SZ Magazin mit einer Embryologin gar nicht lustig, dafür aber sehr aufschlußreich finde, allein die Überschrift. (Warnung: das ist keine Satire!)

Sie fanden keine Spermien unter dem Mikroskop?
Er gab die Samenprobe ab: nichts. Das Gleiche noch mal, zwei Stunden später: wieder nichts. Die beiden saßen vor mir, völlig verzweifelt. Abends um elf kam er dann noch einmal ins Labor, und ich dachte mir: »So, jetzt höre ich meine absolute Favoriten-Musik«, das Tristan und Isolde-Vorspiel. Ich habe die CD eingelegt, die dritte Samenprobe unter das Mikroskop gelegt. Es ertönt der Tristan-Akkord – und in diesem Moment sehe ich ein Spermium vorbeischwimmen, ein schönes obendrein! Noch während des Vorspiels, das dauert elf Minuten, entdeckte ich sogar ein zweites. Die beiden habe ich injiziert, es waren die einzigen Spermien, die dieser Mann produziert hat.

Und?
Am nächsten Tag waren beide Eizellen befruchtet! Was glauben Sie, wie ich gejubelt habe! Es wurden dann Zwillinge, zwei Mädchen. Eines davon heißt Helena.

Nach Ihnen.

Nach mir. Ich habe das Paar dann nach der Geburt angerufen und gesagt: Das interessiert mich wirklich, ob diese Mädchen eine musische Ader entwickeln.

Ich denke nicht, daß ich kommentieren muß?

Über clamormeus

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9 Antworten zu Lewitscharroff pfui, wagnerianische Spermien hui?

  1. Siri schreibt:

    Lewitscharoff ist aber Katholikin. Von „schwäbischer Protestantin“ keine Spur. Zum Glück, zumal der zeitgeisthörige Protestant niemals so Klartext reden würde. Sie ist auch keine Schwäbin, sondern Tochter von aus Buldarien ausgewanderten Eltern. Dort gibt’s eh keine Protestanten, und das ist auch gut so. :-)

    • clamormeus schreibt:

      Meines Wissens ist sie keine Katholikin.

      Und ja, der „Zeitgeisthörige“, ob nun Protestant, Katholik, Atheist, Buddhist, sonstwas, wird wohl auf den „Zeitgeist“ hören. Per definitionem.

    • Frischer Wind schreibt:

      Die Stimmen der Zeit flüstern (wie mehrere andere Medien) dazu: „…Sibylle Lewitscharoff, die 1954 in Stuttgart geborene Tochter einer deutschen Mutter und eines bulgarischen Vaters, mütterlicherseits dem schwäbischen Pietismus entstammt und diesem auch verbunden ist…“

      Wenn auch ansonsten viel Fragwürdiges und ganz sicher Nicht-Abgesichertes in diesem Beitrag von Sigrid Löffler steht (der aber wenigstens noch Reklame für Martin Mosebachs „Häresie der Formlosigkeit“ macht) so bin ich doch geneigt, der Autorin in diesem Fall die Information abzukaufen…

      Auch stammen wohl nicht beide Eltern, sondern lediglich der Vater aus Bulgarien.
      Vom katholischen Menschenbild und katholischen Überzeugungen ist Frau L. meilenweit entfernt, was aber nicht heißt, dass sie mit ihrer Kritik an den sich immer weiter verbreitenden, aus dem Egoismus geborenen, künstlichen Befruchtungs- und Fortpflanzungsmaschinerien Unrecht hat. M. E. hat sie völlig Recht, dass über diese menschenverachtenden Methoden und deren katastrophalen Auswirkungen auf die Gesellschaft viel mehr gesprochen werden müsste, um den davon ausgehenden Schaden von der Bevölkerung abwenden zu können. Leider gibt es viel zu viele Meinungsmacher, die diese Diskussion verhindern wollen. Für diese ist Frau L. ein Glücksfall.

  2. Geistbraus schreibt:

    „Ich sage das zuweilen auch ganz offen: dass mir Kinder am sympathischsten vor dem fünften Lebenstag sind. Da kann ich sie in den Brutschrank stellen, und sie sind still.“

    et voilà: Helena meets Sibylle…

    • clamormeus schreibt:

      Man, ich hab mir jetzt den ganzen Katechismus reingezogen, da steht nix drin von einem Brutschrank, geschweige denn von einem 5 Tage Indult.

      Aber wenn die den Brutschrank mit ihren ganzen Babies drin womöglich auch noch mit Wagner beschallt. dann reg ich mich nachträglich über ihren Vortrag auch noch künstlich auf! (ja, ich bekenne mich: dieser Satz ist WAGNER verachtend!!!)

      Und im Ernst: wenn S.L. tatsächlich eine so dedizierte und mir persönlich befrendliche Aversion gegen Kinder haben sollte, ist das (zuvorderst) allein ihr Problem. Aber wenn sie’s denn hätte, warum sollte sie diese persönliche Tragik nicht bekennen?

      Ich hab mit der Frl. Frankenstein 2.0 Spermabeschwörerin mit Sendungsbewußtsein ungleich mehr Unbehagen.

      • Geistbraus schreibt:

        nun, Frl. Frankenstein kann sicherlich mehr Schaden anrichten als Frl. Halbwesen, weil sie mit Spritzen hantiert statt mit Wörtern. Trotzdem spricht für mein Empfinden aus den Äußerungen beider Damen eine ganz ähnliche emotionale Kälte, die in ihrer gemeinsamen Abneigung gegen Kinder einen beredten Ausdruck findet… welchselbige beide übrigens nicht als „Tragik“ bekennen, sondern mit einer gewissen Schnodderigkeit wie nebenbei abhandeln – was ich dann wiederum wahrhaft tragisch finde.

      • clamormeus schreibt:

        Na ja, was L. betrifft: ein Mangel an Herzenswärme hat schon etwas Tragisches, aber wer ihn hat, weiß ja gar nicht, was ihm fehlt, allenfalls „kognitiv“, weil er sieht: bei den meisten ist etwas anderes da u.s.w.; also um eine solche Tragik selbst zu empfinden, muß man ja im Grunde schon auf dem Weg der „Heilung“ sein. So lang jemand aber in einer solchen Emphatietaubheit verfangen ist, kann man ihm das ja nicht als bewußt gewählte Haltung vorwerfen. Jedenfalls bei L. merkt man doch, wie hart und mitleidslos sie auch und gerade über sich selbst spricht. Sie ist insofern wahrhaftig und verzichtet auf jegliche übertünchende Sentimentalität.
        Also grob: ihr scheint die Liebe (noch) zu fehlen.

        Die Labordame scheint mir dagegen eher empfindungslos und völlig sentimental, mit der Rolle „Ich bin der Schöpfergeist“ zu kokettieren.

        Aber ich wollte ohnehin eher auf den Übegriff des Technischen auf das Leben i.A. raus und diese „was geht, dat mut!“ Haltung.

    • clamormeus schreibt:

      Wo steht das eigentlich genau mit dem Brutschrank?

      • clamormeus schreibt:

        Ah ja, das war der Schluß des Interviews mit der Embryologin, ich hielt die Aussage fälschlich für ein L.– Zitat

        Also hier jetzt aus dem SZ Magazin das ganze Zitat

        >>Muss man Ihre berufliche Tätigkeit dann als eine Art Bewältigung dieses Traumas verstehen?
        Nein, Tausende von Kindern im Labor zu zeugen ist mir einfach lieber, als ein einziges eigenes zu haben. Ich sage das zuweilen auch ganz offen: dass mir Kinder am sympathischsten vor dem fünften Lebenstag sind. Da kann ich sie in den Brutschrank stellen, und sie sind still. Wenn meine Patienten dann später mit ihren Neugeborenen in der Praxis vorbeischauen, freue ich mich natürlich schon, weil ich meinen beruflichen Erfolg in dem Moment ganz anschaulich vor mir sehe. Dann sage ich meinen Standardspruch: »Dich habe ich schon als Vierzeller gekannt, und diese Tatsache wird ihre Faszination nie verlieren!« <<

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