Gibt es den „wahren Islam“?

Die Mörderbande IS im Irak und in Syrien ist noch nicht unschädlich gemacht. Das Unsägliche ist noch nicht gebannt. Die deutsche Regierung will dem nun mit Waffenlieferungen an irakische Kurden gegenübertreten.

Immer wieder hört man im Westen Stimmen, die behaupten, Gruppierungen wie der IS, Boko Haram oder Al Kaida repräsentierten nicht den „wahren Islam“. Dem werden bestenfalls Affirmationen angefügt, begründet wird diese Sichtweise nicht.

Der Islamwissenschaftler Pater Samir Khalil Samir SJ, ein Ägypter, seit vielen Jahren Vatikanberater für Islamfragen, dem ich vorletztes Jahr bei einem Gespräch anläßlich der Reihe „Raggs Domspatz“ in München selbst zuhören durfte und der in nichts einer agitatorischen „Islamfeindlichkeit“ verdächtig ist ,  widerspricht dem in seinem Buch „100 Fragen zum Islam“ in aller Klarheit: „Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, daß es zwei Lesarten des Korans und der Sunna gibt: Eine legitime Lesart entscheidet sich für die Verse, die zur Toleranz gegenüber den Andersgläubigen aufrufen, und eine zweite nicht weniger legitime Lesart gibt denjenigen Versen den Vorzug, die den Konflikt befürworten“und später “Somit enthält der Koran zwei Alternativen, eine aggressive und eine friedfertige, und beide finden Akzeptanz. Man bräuchte eine von allen Muslimen anerkannte Autorität, die sagt: Ab sofort gilt nur noch dieser Vers. Doch dazu kommt es nicht“. Selbst Fanatiker die im Namen des Korans und der mohammedanischen Tradition auch Frauen und Kinder morden, könne man nicht sagen „Ihr seid keine echten Muslime“ sondern höchstens „Eure Lesart des Islam stimmt nicht mit der unseren überein“.

Hintergründe sind einander diametral widersprechende Suren des Korans bei gleichzeitigem Fehlen einer verbindlichen übergeordneten muslimischen Instanz in Auslegungsfragen. Alles Auslegungssache also. Und dieses Auslegen wird Personen überlassen, die von je einer muslimischen Gruppierung als Autoritäten akzeptiert werden.

Westliche Politiker oder Journalisten, christliche Kleriker und selbst muslimische Vertreter, die nun angesichts des Terrors des IS behaupten, dieser habe nichts mit dem Islam zu tun, sprechen demnach aus Unwissenheit, Wunschdenken oder mit Täuschungsabsicht. Zwar ist es falsch zu sagen, die brutale Fratze des IS -Terrors sei das „wahre Gesicht“ des Islam. Ebenso falsch ist es aber zu sagen, Gruppierungen wie IS, Boko Haram und Al Kaida seien nicht vom Koran legitimiert. Zu Recht aber kann man sagen, wenn ich Pater Samir sarkastisch auslegen darf, daß der Islam tatsächlich tolerant ist: er toleriert Toleranz gegenüber Nichtmuslimen  und zivilisierten Muslimen ebenso wie brutalste Gewalt gegen sie, sogar ihre Vernichtung .

Denselben Pater Samir Khalil zitiert heute der Twitteraccount von Radio Vatikan mit den Worten: „ Die Mehrheit der Muslime in der Welt will keinen Islamischen Staat, wie ihn die Terroristen im Irak propagiere.“ Das bezweifle ich nicht, auch aus eigener Begegnung mit Muslimen nicht im Geringsten, nur erwarte bitte niemand, daß ich darüber in Jubelarien ausbreche. Daß Mord, Vergewaltigung, Sklavenhandel mit  Frauen (zum Handel gehören im übrigen auch Käufer), Mehrklassenrecht, Vertreibung, Raub, Schutzgelderpressung und die Zerstörung von Heiligtümern abgelehnt werden, wie jetzt in Syrien und dem Irak tausendfach geschehen, ist eine schlichte Selbstverständlichkeit. Und daß man  Kriminellen mit allen Mitteln entgegentritt, die im Namen des Islam solche Verbrechen begehen, erwarte ich ebenso selbstverständlich auch von Muslimen. Und den Rest der Welt gehen islaminterne Auslegungsprobleme des Koran ohnehin nichts an. Warum auch. Und ich setze noch einen drauf: wer auch immer eine Islamauslegung, die meint, das, was Typen wie die, die der IS angehören, an Verbrechen begehen, mit Hinweis auf den Willen eines Gottes oder sonstwie rechtfertigen oder relativieren zu müssen, hat im besten Fall christliche Sorge um sein Seelenheil verdient, christliche Feindesliebe setzt Feinde voraus.

Letzten Montag gab es dazu relativ klare Worte sogar im Deutschen Bundestag, das war (mir) in der Art neu. Im Auftrag des Vatikan dagegen hatte man in Rom „interreligiösen Fußball“, gang und gebe in jedem europäischen Balltreterverein seit Jahrzehnten. Verschnarchtes Aggiornamento aus konservierten schalen Träumen der 1960er bringt’s gerade nicht so…

 

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Eine Antwort zu Gibt es den „wahren Islam“?

  1. Geistbraus schreibt:

    Was sind das für Zeiten, in denen ein solchermaßen differenzierter Islamartikel Seltenheitswert hat. Danke dafür!

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