Statisch? Dynamisch? -Das ist hier nicht die Frage!

„Die Lehre der Kirche ist nicht statisch, sie entwickelt sich“ ist ein Credo, das in den letzten Jahren tausenden Klerikermündern entströmt, und millionenfach verviellfältigt wird, auch nun bei der Familiensynode zu Rom. Daß sie, die Lehre,  zu Besserem entwickelt werden solle, darf als implizit mitgemeint vorausgesetzt werden. (obwohl es durchaus erfrischend wäre, wenn aus dem Chor derjenigen, die dauernd alles zum Besseren ändern wollen, einer mal ausstiege und riefe: „Der status quo ist großartig, so kann es nicht weitergehen!“)

Verfolgen wir den zeitlichen Strang also in Richtung derer, die vor uns diese Lehre verteidigten: in der Annahme eines immer besser Werdens, erklären wir unsere Vorfahren im Glauben von Generation zu Generation als zunehmend unentwickelt, schlicht: wir erklären sie zu Idioten. Und am Ende der Kette stehen folgerichtig die unentwickelststen Vollidioten, namentlich die Kirchenväter und die Apostel.

Das wäre aus Sicht der Apolegeten einer ständigen Entwicklung der Lehre zum Besseren doch eigentlich die konsequente Schlußfolgerung. Wie aber stünde man dann da mit dem Titel „Nachfolger der Apostel“?

Ich setze noch einen drauf: Denn da war ja noch derjenige, der diese Lehre eingesetzt und die Kirche, der er sie anvertraute, gestiftet hat. Der erklärte den Juden, daß Gott ihnen das Recht zur Scheidung gegeben hatte, aus Barmherzigkeit gegenüber ihrer Hartherzigkeit. Dieses Recht entzog er ihnen nun, nicht, um sie zu strafen, sondern im Wissen, daß die durch ihn in die Welt gebrachte göttliche Barmherzigkeit und Gnade ausreichend war, daß das, was von Gott verbunden wurde auch verbunden  bleiben konnte. Sicher oft unter Opfern und Prüfungen, mitunter sogar als schweres Kreuz. Aber niemandem wurde mehr Last zugemutet, als er tragen konnte.  Will man nun sagen, er habe falsche Versprechungen gemacht?

Soll es nun also ernsthaft ein Fortschritt oder eine Entwicklung der Lehre Christi und seinerKirche sein, wenn man diese von ihm aufgehobene Berechtigung zur Scheidung einer sakramental vollzogenen Ehe und eine folgende Zweitehe nun wieder salonfähig machen will? Fällt man nicht damit zwangsläufig selbst in die Zeit vor Christus zurück, der dies unter dem Murren des Volkes als Ehebruch bezeichnete? Und bezichtigt man nicht ihn selbst gerade der Hartherzigkeit?

Die Rhetorik von einer unveränderten aber zu entwickelnden Lehre ist einerseits eine gefährliche. Und sie setzt sich dem Verdacht aus, daß man im Grunde nur nicht eingestehen will, diese Lehre sehr wohl verändern zu wollen. Denn da sie auch im Fall der Ehe klar und eindeutig ist, kann Entwicklung ja nur bedeuten, sie dieser Klarheit zu berauben und das sukezessive, denn es muß immer weiter „entwickelt“ werden. Und dies muß dann den Gläubigen als weiterhin unverfälschte, unveränderte Lehre verkauft werden. Zum anderen ist diese Haltung gegenüber all unseren Vorfahren in der Kirche eine mehr als herablassende.

Besser wäre es,  frei zu sagen, daß man Dinge geändert haben möchte, welche genau, wie und warum. Dann aber muß man auch bereit sein, sich dem Widerspruch des Lehramtes zu stellen und prüfen lassen, ob das Ansinnen mit Schrift, Überlieferung und Tradition vereinbar ist.

Und das Problem der guten Verkündigung der Wahrheit, ist Teil eures Berufungsbildes. werte Kleriker, das müßt ihr eben können oder lernen! Mehr noch als die Laien.

Ein frommer Wunsch, ich weiß. In Zeiten, wo innerkirchlich die Äußerungen der Glaubenskongregation und des Vorgängers des jetzigen Papstes schlicht als Meinung einer Partei oder gar Privatansicht behandelt werden, die man auf dem Konsistorium erst gar nicht erörtern müsse, und wo sich jüngst ein deutscher Bischof damit brüstete, es seinen Priestern zu überlassen,  ob sie sich bei der Sakramentenspendung an die Lehre der Kirche halten oder eben nicht, scheinen die Fakten längst geschaffen. aber der Schein trügt ja öfter mal.

 

 

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5 Antworten zu Statisch? Dynamisch? -Das ist hier nicht die Frage!

  1. Andreas schreibt:

    Die Rede von der „Entwicklung“ ist ohnehin eine üble modernistische Nebelkerze, denn der Begriff kommt relativ harmlos daher, transportiert aber die Meinung, es könne sich eine Sache im Lauf der Zeit auch grundlegend „organisch“ verändern. Die Lehre kann aber nur aus ihrem Kern, aus der Knospe heraus entfaltet werden – nur sie hält die Blütenblätter nämlich zusammen …

  2. Marienzweig schreibt:

    Die ganze letzte Zeit gewinne ich mehr und mehr den Eindruck, als strampelten sich einige/viele (?) Bischöfe sich jetzt geradezu frei.
    Haben sie die katholische Lehre bisher als eine so ungeheure Last empfunden, als einengende Fessel, die es nun endlich abzustreifen gilt?
    War dies also schon lange so und sehen jetzt -unter Papst Franziskus- eine günstige Zeit gekommen oder passen sie sich nur wieder geschmeidig den neuen Verhältnissen an?

  3. Jorge schreibt:

    Nun kannte Jesus ja gar keine „Scheidung einer sakramental vollzogenen Ehe“, konnte sie also auch nicht verbieten. Verboten hat er die Ehescheidung an und für sich. „Except with porn“, wie Matthäus etwas kryptisch hinzufügt.
    Somit ist doch allein die Konzeption einer „sakramentalen“ und „vollzogenen“ Ehe schon der sprechende Beweis dafür, dass die „Lehre“, wie du es nennst, sich mit der Zeit entwickelt.
    Dass die von einzelnen Päpsten vertretenen Lehren gerade in diesem Punkt sehr verschieden sein können, beweist ebenfalls die Geschichte. Der große Papst Innozenz III. hat zum Bsp. alles dafür getan, die (in seinen Augen „barbarische“) Lehre, wonach die Ehe durch den geschlechtlichen Vollzug zustande komme, ein für alle Mal aus dem Kirchenrecht zu tilgen. Gelungen ist ihm das letztlich nicht, weil einer seiner Vorgänger schon eine tragfähige Kompromissformel zwischen Konsens- und Kopulationstheorie erarbeitet hatte, die sich dann auch durchsetzte.
    Was die Frage der Verurteilung der Zweitehe betrifft, ist die ja gerade deswegen ein Problem, weil man die Kirchenväter, die solche Ehen ausnahmsweise (wegen dieser Klausel „except with porn“) immer mal wieder erlaubt hatten, eben gerade nicht als Vollidioten hinstellen mochte. Genau deswegen haben die Konzilsväter in Trient darauf verzichtet, das Wiederheiratsverbot nach Ehebruch zu dogmatisieren. Eine fixe „Lehre“ im Sinne eines Dogmas, das man nicht ändern dürfte, gibt es folglich für diesen Spezialfall (Scheidung nach Ehebruch) gar nicht.

    Was es gibt, ist die wohlbegründete Meinung, wonach wir als Katholiken im Unterschied zu den Kirchenvätern des 4. und 5. Jh. einer Sondermeinung des hl. Augustin folgend lieber davon ausgehen wollen, dass auch der Ehebruch das Eheband nicht auflöst und eine zweite Ehe darum auch in diesem Fall verboten bleibt.
    Diese wohlbegründete Meinung führt nun allerdings in manchen Fällen in ein Dilemma: Einerseits erkennen wir, dass die Christen der Ostkirche spätestens seit Ks. Justinian im 6. Jh. (lange vor dem Gr. Schisma) nach Ehebruch nochmal heiraten dürfen und damit nicht sündigen, sofern sie gewisse kommunionfreie Bußzeiten absolviert und ihre mögl. Mitschuld am Ehebruch des ersten Partners abgebüßt haben, auch wenn dieser noch lebt. Wir wissen auch, dass die Orthodoxen unter dem Druck bestimmter Politiker zwar mit der Zeit etwas sehr liberal geworden sind in dieser Frage und die Ausnahmeregel des Evangeliums ein wenig überdehnt haben, aber im Kern eben dennoch schrift- und traditionsgemäß handeln.
    Andererseits sind wir gezwungen, jene Eheleute in unserer eigenen Teilkirche, denen es ähnlich ergeht und die nach einer unverschuldeten Trennung eine zweite, irreguläre Partnerschaft eingehen, als Ehebrecher und schwere Sünder anzusehen und ihnen die Möglichkeit vorzuenthalten, ihre Sünden (egal welche) sakramental zu beichten und die Kommunion zu empfangen. Das erscheint sehr hart, denn wir sind uns ja bewusst, dass wir eigtl. gar nicht sicher sein können, ob das, was diese Leute machen, wirklich eine Sünde ist, zumal sie ja auch evidentermaßen nichts tats. Böses tun, weil die monogame Geschlechtsgemeinschaft naturrechtlich und sittlich betrachtet nichts an sich Schlechtes ist, auch die kirchlich verbotene Zweitehe nicht. Deshalb hat die Kirche 1983 festgestellt, dass ein solches Verhalten von Rechts wegen nicht mehr automatisch als Todsünde betrachtet werden darf, sondern als „mutmaßlich sündhafte Situation“. Die praktischen Rechtsfolgen (Lossprechungsverbot und Kommunionausschluss) blieben aber dieselben wie vorher, nur die bis dato übliche Exkommunikation ist schon Ende der 1960er Jahre weggefallen.

    Diese „Lehre“ (die in der aktuellen Gestalt also alles andere als „alt“ ist) bleibt nun allerdings unbefriedigend, weil nach wie vor unklar ist, ob *alle* zivil Wvh., deren erste Ehe nicht doch vllt. anulliert werden könnte, akutermaßen sündigen oder nicht. Dies müsste unbedingt geklärt werden, denn nur tats. Sünden könnten die Kirche zwingen, den Betreffenden pauschal die geistlich überlebenswichtigen Sakramente (v.a. die Beichte) zu verweigern.
    Papst Johannes Paul II. hat versucht, die neue Regelung mit „objektiven“ Argumenten zu untermauern: Wer in der Ehe scheitert und nicht ohne Sex auskommt und dieses Bedürfnis nicht ungeregelt ausleben will, sondern eine feste Beziehung führt, soll ruhig weiter in die Kirche kommen und sich nicht ausgestoßen fühlen, aber einsehen, dass seine Lage „objektiv“ dem Anspruch Jesu widerspricht. Das überzeugt wenig, weil die Ethik Jesu auf „objektive“ Kriterien (blind geboren, gelähmt, leprös oder sittlich verrufen) kaum Wert legt und immer auf das „Herz“ verweist. Dass zivil Wvh. grds. ein böses Herz hätten und deswegen „verstockt“ an ihrer verbotenen Zweitehe festhielten, trifft aber offenkundig nicht zu. Zudem legt diese Deutung das Missverständnis nahe, man müsse dem Anspruch Jesu genügen, um zur Kommunion gehen zu können. In Wirklichkeit muss man nur die wirklich schweren Sünden bereuen und beichten und natürlich an Jesus glauben, um sein Opfermahl essen zu dürfen.
    Kasper und einige andere haben dann seinerzeit versucht, mehr auf das Gewissensurteil der Betroffenen abzustellen bei der Frage, ob sie sündigen oder nicht; sie wurden aber von Kard. Ratzinger zurückgepfiffen, der dem Gewissen skeptisch gegenübersteht und sich sorgte, ob die Leute sich nicht selbst belügen. Papst Benedikt selbst hat dann versucht, an den Gültigkeitskriterien der sakramentalen Ehe zu schrauben, wurde aber von Kanonisten zurückgepfiffen, die das nicht so gern sehen. Ungefähr auf diesem Entwicklungsstand befand sich die „Lehre“, als der neue Papst die Idee für diese Familiensynode hatte.

    Nun leben wir in einer Zeit, in der einerseits viele Menschen überhaupt nicht mehr glauben und sich immer mehr der Kirche entfremden, andererseits unter religiösen Menschen immer radikalere Elemente die Deutungshoheit übernehmen. Typische Eigenschaften radikalisierter Gläubiger – sei es im Islamismus, bei kreationistischen Evangelikalen, militanten jüdischen Siedlern oder eben auch im Katholizismus – sind gnadenlose Übertreibung, Unbelehrbarkeit in der Sache und die klassische rigoristische Versuchung, immer die strengste Auslegung einer Regel oder eines Schriftwortes als die richtige zu betrachten.
    Gegen die Gewaltversuchung im Islam sind wir Christen heute glücklicherweise weitgehend gefeit, das heißt aber nicht, dass die anderen Gefahren bei uns nicht virulent wären. Deshalb ist Besonnenheit geboten, und sorgfältige Information darüber, wie sich die Lehre Jesu Christi wirklich „aus ihrem Kern, aus der Knospe heraus entfaltet“ hat, wie Andreas schön sagt. Eine frei erfundene „reine“ oder „unveränderte Lehre“, die den Bedürfnissen radikaler Gläubiger entspricht, aber nicht den wirklichen historischen und doktrinären Entwicklungen und Vorgaben der Kirche, wäre eine Art katholischer Salafismus: eine urtümeld daherkommende Fantasiereligion, die dem echten, gewachsenen katholischen Glauben den Rang abläuft. Das sollte so eine Bischofssynode tunlichst bekämpfen, weil es eine Gefahr für die Glaubwürdigkeit und die Zukunft der ganzen Kirche darstellt, meine ich.

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