Rezension zum „Farnese-Komplott“ jetzt hier in voller Länge

Zu meinem freudigen Erstaunen wurde ich für die jetzt in der heißen Abstimmungsphase befindlichen Robustapreise des Herrn Alipius in gleich drei Kategorien nominiert, für manche mehrfach. Dafür herzlichen Dank! Hier klicken, um abzustimmen. Zum einen für „Trägheit“, was ich mir durch einen teils recht unsteten Output in meinem zweiten Bloggerjahr objektiv verdient habe, um so schöner, zu wissen, daß mancher gern mehr von mir hier lesen will. „Cocktail“ ist auch in Ordnung, allein weil man in einem Blog unterschiedlichste Text und- Erzählformen sowie ein relativ weit gestreutes Themenspektrum vorfindet und ich mir mit „clamormeuspress“ sogar zudem ein eigenes, freilich satirisches Boulevardlabel leiste. Auch für „Kultur“ bekam ich eine Nominierung,ein dehnbarer Begriff. Im Sinne von eigenen Stückchen, literarisch, aber auch via Ton und Bild, werde ich bald nach technischer Aufrüstung, hier oder auf einem zweiten Blog, mehr abliefern.
Hier als Werbung dafür und auch für „Cocktail“ meine Rezension vom Sommer in voller Länge (wer mich in „Trägheit“ wählen will, lese sie später;-), vor allen Dingen aber, um den Krimi der lieben Kollegin Elsa Laska einem größeren Kreis vorzustellen, als dies in der Fachzeitschrift, die die Printversion der Rezension brachte, möglich ist.

Barbara Wenz, Das Farnese-Komplott. Ein Kriminalroman, Köln: Emons Verlag, 2014, 224 Seiten, ISBN 978-3-95451-313-0. 9,90 Euro.

Barbara Wenz wurde 1967 in der Südpfalz geboren. Die seit über 10 Jahren vorwiegend in Italien lebende studierte Slawistin und Politologin ist als freie Journalistin und Autorin tätig und konvertierte 2007 zum Katholizismus. Bekannt ist sie der im Internet aktiven katholischen Szene und über diese hinaus als „Elsa Laska“ durch ihren Blog „Elsas Nacht(b)revier“, einen der meistgelesenen im deutschsprachigen Raum.
Sie schreibt regelmäßig Artikelserien u.a. für die Tagespost und das Vatican-Magazin, darunter Portraits „heiliger Paare“ und über „Sanktuarien der besonderen Art“.
Unter dem Titel „Poetische Pilgerorte – Reisen ins mystische Mittelitalien“ hat sie in einem ansprechend gestalteten und photographisch illustrierten Buch Eindrücke von Besuchen von gleich zwanzig Pilgerstätten literarisch festgehalten, die in einem relativ schmalen Streifen westlich und östlich der Achse zwischen Rimini und Lanciano angesiedelt sind. Berühmte wie Manoppello, Cascia, Norcia und Loreto sind darunter, aber auch kaum bekannte. Jeweils eingeflochtene akribische Hintergrundrecherchen bereichern diesen ungewöhnlichen Reiseführer. Im Juni 2014 erschien nun im Emons Verlag ein neues Buch der Autorin, der Vatikan-Krimi Das Farnese-Komplott.

Farnese

Eine Krimirezension verrät niemals den Täter. Diese doch: Schwester Immacolata war’s. Barbara Wenz deutet bereits im Prolog an, daß nicht heiteres Täterraten dramaturgisches Band des Farnese-Komplott sein wird. Nach einer Seite nur bricht diese Ordensfrau einem Schwerstverwundeten das Genick und zwei Zeilen später weiß der Leser auch: im Auftrag eines Farnese.
Derweil wird die junge deutsche Journalistin Krista Winther in Rom von der Begegnung mit einem Sproß jener fiktiven, auch im Vatikan einflußreichen römischen Adelsdynastie überwältigt. Im Wortsinne. Als die neue Rom-Korrespondentin ihren scheidenden Vorgänger Manfred Moorstein aufsuchen will, hält sie der kampferprobte Monsignore Lorenzo Emilio Farnese für eine Einbrecherin ins Domizil seines spurlos verschwundenen Freundes und schlägt sie nieder. Ganz kurz darauf fällt auch schon der erste Schuß. Doch gleich im erst düsteren, dann aktionsreichen Auftakt zeigt sich, daß Barbara Wenz einen erzählerisch ambitionierten wie auch mehrschichtigen Roman intendiert – es wird ihr weitestgehend gelingen.

Der Monsignore nimmt die geschockte Krista bei sich im Vatikan auf, gemeinsam wird die Suche nach Moorstein begonnen. Ispettore Cairo von der vatikanischen Gendarmerie vervollständigt das inoffiziell ermittelnde odd triple. Die ehrgeizige, temperamentvolle, oft vorlaute Kirchenskeptikerin, der eigenwillige, mitunter dandyhaft schillernde Priester, im Vorleben Elitesoldat, und der besonnene aber rauhbeinige Inspektor werden mit Detailliebe bei klarer Kontur aus leichter aber präziser Feder liebevoll belebt, dies wird auch für die meisten der zahlreichen Nebenfiguren gelten. Niemals sind sie Karikaturen und immer mehr als nur Typen. Die Protagonisten springen den Leser nicht an, exhibitionieren sich nicht. Sie ziehen ihn zu sich. Und ihre Geheimnisse werden auch von der Autorin nicht denunziert. Mit Wortwitz und subtilem Humor wird nicht gegeizt, reichlich Sinn für Situationskomiken versprüht sich, manchmal lächelnd bis zum Abgrund des Absurden hin, nie aber über die Grenze zum Klamauk. Plastisch und konkret entstehen Atmosphären und Räumlichkeiten. Darüberhinaus wurde auch in Nebensächlichkeiten penibel recherchiert – was dem Leser nicht verborgen bleibt.
Der geheimnisvolle Schleier von Manoppello war das Objekt der letzten Recherchen Moorsteins, was vorerst einziger Anhaltspunkt für die Ermittler ist. Und diesem widmet Barbara Wenz dann auch eigens mehrere Kapitel. In diesen den Plot kontrastierenden Episoden wird eine mögliche Geschichte des als „Volto Santo“ verehrten Stoffes erzählt, der bei entsprechendem Lichteinfall ein männliches Gesicht zeigt, das von vielen für das Abbild des Antlitzes Christi, gezeichnet von der Folter, aber schon vom Tode erlöst, gehalten wird. Zwar folgt die Autorin dabei inhaltlich einer der gängigen Theorien, doch betont sie im Nachwort , daß es ihr dabei nicht um das Lancieren dieser bisher weder zwingend belegten noch widerlegten Version ging, sondern um Fiktion.
Dies erschließt sich beim Lesen von selbst: Die lange Reise des Schleiers von Jerusalem in die Abruzzen ist Barbara Wenz nicht Folie zum Transport einer These, sondern ergiebiger Stoff erzählerischer Gestaltung, und in diesen sechs Episoden gelingt ihr denn auch veritable, mitunter bezaubernde Dichtung. Faszinierend die atmosphärische Zeichnung der geschichtsträchtigen, heiligen Stätten, in denen der Schleier beherbergt wurde; das Grab Jesu, das Haus Mariens in Ephesus, der Tempel von Matiana, der Palast von Byzanz, die Veronikasäule im Vatikan und schließlich das Kloster von Manoppello. Alles hier atmet eine andere, tiefere, bestimmtere Zeit. Von beeindruckender Präsenz und Konturierung die jeweils in ihr agierenden Frauengestalten, beginnend mit der biblischen Maria Magdalena bis hin zur kämpferischen. kriegerliebenden Caterina de Santi, die das Tuch schließlich ins Kloster von Manoppello rettet.
Nein, keine in unterschiedliche Gewänder gekleidete Ideen über fromme weibliche Ikonen werden hier in historischen Kulissen ausgestellt, es sind unterschiedlichste Frauengestalten aus Fleisch und Blut, die vom Glauben durchdrungen und gezeichnet sind. Heiligung durch Hingabe wird hier nicht behauptet, sondern sie scheint auf und atmet lebendig. Und immer wieder wird der geheimnisvolle Schleier durch seine Botinnen entfaltet und wirken. Gern verweilt man in den heiligen Stätten und auf den rauhen Pilgerwegen, auf denen die Reliquie den Ort ihrer Bestimmung nach über 1500 Jahren erreicht. Bezüglich des Stoffes und der Vermengung geschichtlicher Ereignisse mit fiktionalen Protagonistinnen, mag man hier an Gertrud von le Fort denken, vom eher leichter gespannten, mitunter sagenhaft preisenden Ton manchmal – wie in der letzten Episode mit Caterina – sogar an die mittelalterlichen Lais der ersten Bestsellerautorin, der Aquitanierin Marie de France. Doch dies sind Anklänge, der Duktus von Barbara Wenz ist ein gänzlich eigener.

Derlei in einem als „Kriminalroman“ titulierten Buch vorzufinden überrascht, aber tut dem Genre keinen Abbruch. Der von diesen Episoden im Mittelteil begleitete Plot entschleunigt vorerst auf lebhaftes Andante. Moorsteins Leiche wird gefunden, der fingierte Unfall als Mord enttarnt. Außer düsteren Spekulationen des Monsignore ist eine verschlüsselte Datei auf einem USB-Stick Moorsteins die einzig konkrete Spur. Die Autorin läßt der Datensicherheitschefin des Vatikan, einer Dominikanerin, einige Zeit, sie zu entschlüsseln. Mitunter bleibt sogar Muße für einen im usus antiquior bereiteten Espresso oder gar das Studium der Whiskykarte des Casinos der Schweizergarde. Die Autorin läßt den Leser an Lebensart, Flair und Charme, aber auch an den Abgründen ihrer Wahlheimat Italien teilhaben, ohne daß sich die Spannung des Krimis darin verlöre, die nun aber eher mäandernd denn zielstrebig voranschreitet. Et…et, sowohl als auch, ist ein Leitmotiv für alle Ebenen des Buches. Krista Winther, mittlerweile in einem vatikanischen Nonnenkloster untergebracht, bekommt dort und vor allem durch die Beziehungen des Monsignore unverhoffte Einblicke ins Innenleben des Vatikan, und lernt vom Kardinal bis hin zur wahrsagenden Künstlerin etliche Sprösse des legendären Farnese-Clans kennen. Und ein solcher, wir Leser wissen es ja schon, steckt schließlich hinter dem Mord.
Dann nimmt die Handlung volle Fahrt auf, der chiffrierte Text des Toten ist entschlüsselt – der Journalist war einer großen politischen Verschwörung auf der Spur. Hier wird offen und direkt angeknüpft an die jüngere Geschichte Italiens. Ein weiterer Mord geschieht, der Schleier von Manoppello wird geraubt. Ein Alleingang Krista Winthers bringt nicht nur diese selbst in Lebensgefahr sondern setzt ein genretypisches finale furioso in Gang, das schließlich auch den überraschenden Hintergrund des Buchtitels offenbart. Dem allerdings fehlt der Schlußakkord. Denn was die beauftragte Mörderin Moorsteins anbelangt, wissen die Leser immer noch mehr als alle beteiligten noch lebenden Romanfiguren, und soviel darf verraten sein: Schwester Immacolata ist nicht irgendwo tätig und sie hat finstere Pläne. Nun erst recht.
An Ende werden noch andere dramaturgische Linien so exponiert, daß ein Fortsetzungsroman sich geradezu aufdrängt: eine der vordergründigen ist die Frage nach dem Verbleib des geraubten Tuches von Manoppello, eine andere die Wandlung der Hauptfigur Krista Winther, deren Karrierehoffnungen sich vorerst zerschlagen und auf die die Dichte und Wucht des Verbrechens aber auch die Begegnungen und Eindrücke in der vatikanischen Sphäre schicksalhaft einwirken, grandios in einem düster aufwühlenden Alptraum Kristas initiiert.

Fazit: Vieles hat Barbara Wenz in diesen Krimi eingewebt, dessen Lektüre dennoch stets ein leichter, kurzweiliger, spannender und oft heiterer Genuß bleibt und weit mehr als das. Mag der Plot Liebhaber mehrfacher überraschender Wendungen, sich als irrig erweisender Fährten oder einer Entwicklung mittels genialer Ermittlereinfälle auch nicht ganz befriedigen, dazu ist er in der Konstruktion des Handlungsstrangs zu geradlinig, ist der Autorin doch auch rein auf der Krimiebene gesehen ein zumindest solides und spannendes Stück gelungen. Fesselnd – sicher auch für eher puristische Krimifans – wird das Buch durch seine Erzählform, die durch ihre visuell unmittelbare Prägnanz nach Verfilmung geradezu ruft. Zum einen liegt dies am hohen sprachlichen Niveau der Autorin, das neben dem tiefen Blick für Charaktere auch Atmosphären und Architekturen trefflich den Sinnen des Lesers konkret zu erschließen weiß. Zum anderen gelingt es, den Plot, die historischen Miniaturen um den volto santo und auch die anderen Erzählstränge wenn auch nicht immer formal geglättet aber hintergründig stringent und schlüssig zusammenzuhalten. Bei aller Akribie, mit der die einzelnen Ebenen entwickelt werden, bleibt reichlich freier Raum für die Vorstellungskraft des Lesers, und hinter jeder neu geöffneten Tür in diesem Krimi eröffnet sich seiner Phantasie der Einbruch eines unerwarteten Abgrunds, der in den jeweils eingeführten Personen angelegt ist. Ein Schleier schwebt beziehungsreich im Hintergrund des Geschehens, und Barbara Wenz spielt im Vordergrund dezent aber virtuos auf der Klaviatur des Freigebens und Verbergens, und verknüpft diese Ebenen ebenso kunstfertig wie ungekünstelt.
Erfreulich auch, daß hier eine Autorin spricht, die über profunde Kenntnis des Katholischen und des Vatikan verfügt. En passant werden vor allem in den Dialogen zwischen Krista und dem Monsignore vieldebattierte Dinge wie Zölibat, Theodizeeproblem, und hier natürlich Reliquienverehrung eingestreut. Unaufdringlich aus dem Leben gegriffen und ohne daß der Leser je einen belehrenden oder gar apologetisch hohen Ton befürchten müßte, werden in der Konfrontation katholische Sichtweisen aber auch Selbstverständnisse dargestellt.
Ein wohltuender Kontrast zu all den Vatikanromanen, die allzugern nur verzerrende Klischees und gängige Falschurteile über Kirche und Vatikan, Klerus und Glauben feilbieten. Das Farnese-Komplott ist dankenswerterweise diesbezüglich unendlich näher bei Father Brown denn an Namensvetter Dan. Und auch Chestertons Wort von der Kirche als Privatdetektiv, die Verbrechen verfolgt, um sie zu vergeben, findet Anschaulichkeit in der Showdownszene gegen Ende des Farnese-Komplott. Auch der Schurke stirbt nicht ohne Absolution.
Dem Leser sei das Farnese-Komplott – auch als ideale Urlaubslektüre oder Geschenk – wärmstens anempfohlen, wegen des reichhaltigen Lesegenusses, aber auch aus egoistischen Gründen: ein Erfolg dieses Krimis erhöht die Chance auf einen zweiten Teil. An gegenwärtiger Kunst und Literatur, die man mit Fug und Recht katholisch nennen kann, mangelt es schmerzlich, erst recht an Belletristik. Zugriff!

Über clamormeus

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2 Antworten zu Rezension zum „Farnese-Komplott“ jetzt hier in voller Länge

  1. #hach Jetzt hat er mich gespoilert. Aber nicht zu sehr vermute ich! :-)

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