„It’s the form, stupid!“? – Mosebachs Argument dafür

Die Blogger Theodor (Summa Summarum) und M.J. Grannenfeld (Geistbraus) liefern sich anläßlich der Drohung eines italienischen Bischofs, Gläubige, die Sakramente von Priestern der  FSSPX empfangen, ein mehrpostiges Duell. Ich wolle, wie Tarquinius (Denzinger Katholik), eigentlich auch direkt bezugnehmend zum Thema etwas sagen, aber die anfänglich gepflegte und durchaus interessante Auseinandersetzung hat sich bildlich zu einer Art Wirtshausrauferei ausgewachsen, samt Spezln- und Verwandtenbeleidigung, so daß ich meinen Standpunkt dazu nur abkürzend -und für jetzt- begründungslos kundtue. (Die Links werden nachgeliefert)

Ja: der Widerstand u.a. der Gruppe um Levebvre war legitim und sogar notwendig. Aber nein: die illegalen Bischofsweihen von 1988 waren nicht richtig und m.E.  nicht nur nicht notwendig, sondern schädlich. Und dennoch nein: es ist nicht angemessen und auch nicht legitim, -ob legal, kann ich nicht beurteilen- Meßbesuchern der FSSPX die Exkommunikation anzudrohen.

Auf was ich hier rauswill, ist, daß der Disput zwischen beiden Bloggern schnell auch bei der Form der Messe angelangt ist. Und dazu möchte ich jetzt etwas sagen.

Vorab: Gewöhnlich ergänzt man im Sprachgebrauch Inhalt und Form, so auch hier. Spätestens in Bezug auf Kunstwerke fällt auf, daß das Begriffspaar  hinkt: nehmen wir als Beispiel eine bekannte Tragödie, Antigone. Fragt man jemand, der das Stück gesehen hat nach dem Inhalt, würde er normalerweise die Handlung subsummieren.  Das erfaßt aber nicht den Sinn, die Bedeutung des Dramas. Und was wäre bitte der „Inhalt“ einer in Form der Ehe gelebten Liebe? Der Begriff „Inhalt“ macht relativ wenig Sinn, auch in Bezug auf die Heilige Messe.

Karl Scheffler, ein Kunstkritiker,  betrachtete in einem Aufsatz Kunstwerke in drei Kategorien, nämlich Stoff, Form und Gehalt. Verkürzt übersetzt: was gestaltet ein Künstler, in welcher Form tut es das, und was ist die hervorgebrachte spezifische Qualität dieses Werks? Diesen Zugang benutze ich hier als mir geeigneter scheinenden zur Klärung der Wichtigkeit der Form.

Auf das heilige Meßopfer angewandt,  könnte man sagen: der Stoff ist die ganze Heilsgeschichte, das Mysterium um die Menschwerdung Christi, seines Kreuzopfers und seiner Auferstehung, das Mysterium unserer Errettung durch Christus. Die Form ist eben die Eucharistiefeier, der Ritus selbst. Der Gehalt läßt sich verkürzt als das wiedergeben, was wir unter der Realpräsenz Chrsiti und der unblutigen Vergegenwärtigung seines Opfers bezeichnen, unsere vorläufige, aber konkrete Begegnung mit ihm..

Bei einem Kunstwerk jedoch ist klar, daß verschiedene Formgebungen für die Gestaltung desselben Stoffes jeweils einen entsprechend fähigen Künstler vorausgesetzt, zu einem herausragenden Gehalt des Werkes. also zu „großer Kunst“ führen können. Heißt auch: in verschiedenen Formen können große Werke gleichen Stoffes entstehen. Doch wie verhält sich das mit der Eucharistiefeier?. Hierzu darf ich aus einem Artikel zitieren, in dem ich u. a, einen 2014 von Martin Mosebach in Aachen gehaltenen Vortrag zur Reliquienverehrung skizzierte. Zu den Ursprüngen unserer Liturgie, stellt er dort folgendes fest:

Welcher Form aber war diese Messe? Alles in dem jungen Kult stammte aus älteren Epochen, war aus Überlieferung zusammengesetzt. Die Religion Christi brachte keine kultische Revolution, sie war vielmehr „Blüte eines schon zu Beginn der Menschheitsgeschichte gepflanzten Stammes“. Das Neue war keine Doktrin Christi, er goß kultisch sozusagen „seinen neuen Wein durchaus in uralte Schläuche“. Das wirklich Neue war der ersehnte Eintritt Gottes in die Menschengeschichte, der damit die alten Gebete erhörte, und eben nicht desavouierte. Und, wage ich zu fragen: gilt nicht auch und gerade hier das Wort von der Erfüllung statt der Verwerfung des Gesetzes?

Die anonymen Schöpfer der Liturgie der Vergegenwärtigung des Kreuzopfers, schufen mit der überlieferten Messe ein Ostensorium, das die Hostie gleichzeitig schützt und zeigt, umgaben die Wandlung mit Psalmen, Gebeten, überlieferten Formeln der Verehrung des Übernatürlichen und riefen Engel und Heilige hinzu. Die Messe schafft den Raum für das Wunder und ist deswegen von ihm nicht ohne weiteres ablösbar: „Formwerdung ist ein Aspekt der Fleischwerdung“. Absurd also, schließt Mosebach, das Mysterium der Inkarnation „rein spirituell“, als bloßen Gedankenakt feiern zu wollen.

Gott selbst gebe mit dem Zeitpunkt seines Eintritts in die Menschengeschichte die Formensprache des Kultus vor, und diese war die „hellenistisch geprägte jüdische Kultur unter römischer Suprematie“. Folglich könne man dem historischen Jesus nicht näher kommen, als in der überlieferten Liturgie. Diese stellt eine Prozession der Gemeinde mit dem Priester an der Spitze auf den Auferstandenen zu dar, der ihr vom Altar aus entgegenkommt, die „Zelebrationsrichtung sei also auch wesentlicher Bestandteil der liturgischen Gestalt“, denn nicht der Priester, sondern Christus, der diesen ermächtigt, gehe auf die Gemeinde zu.

(der unbedingt hörenswerte ganze Vortrag „Der geerdete Himmel- über die Stofflichkeit des Glaubens“ als Podcast hier , nachlesen kann man ihn in der neuen „Dominus Vobiscum“, zu beziehen via Pro Missa Tridentina)

Das bedeutet: die überlieferte lateinische Messe, die zu Unrecht die „tridentinische“ genannt wird, weil sie immerhin -von kleineren Änderungen abgesehen- mindestens 1500 Jahre nachweisbar existiert, und man über die Zeit davor anhand der Quellenlage nichts präzises sagen kann, ist die Form, die durch den geschichtlichen Jesus von Nazareth und das Wirken des Heiligen Geistes dem Abbild der göttlichen Liturgie am nächsten kommt, bei aller menschlichen Unvollkommenheit. Und wenn nun also die Form so massiv verändert wird wie 1970 (und zusätzlich auch der Stoff modifiziert wurde), stellt sich zwingend die Frage, ob der Gehalt dadurch nicht in Mitleidenschaft gezogen wird. (dazu bald ein eigener Post)

Jedenfalls wird aus dieser Perspektive klar, was für ein Schock es für Millionen Gläubige war, daß eben diese bisher nur behutsam modifizierte Messe, die Katholiken in aller Welt mit ungezählten Vorfahren im heiligen Meßopfer verband, plötzlich aus der unam sanctam verbannt werden sollte. Und selbst eine Gruppe britischer Künstler und Intellektueller verschiedener Konfessionen und Religionen um Dame Agatha Christie dies mit dem „Einreißen von Kathedralen durch Barbaren“ gleichsetzte. (Auf diesem Blog hier nachzulesen)

Aus dieser Sicht kann der Widerstand, sich die Feier dieser Messe verbieten zu lassen, nur als unbedingt berechtigt erscheinen. Die illegalen Bischofsweihen von 1988 jedoch stehen auf einem anderen Blatt.

Und das paßt dann wieder ganz gut zum oben genannten Beispiel „Antigone“: sie beharrt gegenüber Kreon, der Obrigkeit, auf ihr höheres Recht, ihren toten Bruder gemäß den Riten bestatten zu dürfen. Doch nach dem Nein des Königs, bringt sie sich in ihrem Verlies um, das tut ihr sie tot vorfindener Verlobter, Kreons Sohn dann auch, die geschockte Frau Kreons ebenfalls. Gerade hat sich Kreon nach einem Gespräch mit dem Seher Tereisias durchgerungen, Antigone nachzugeben, da ereilt ihn die schreckliche Kunde.

Antigones Anliegen war berechtigt. Ihr Vertauen in ihre damaligen Götter aber mangelhaft. Sie konnte das Unrecht nicht ertragen, sie zog die Besinnung und Einsicht Kreons nicht einmal in Betracht. Sie zerstörte, in Verzweiflung und Rebellion ihre und seine Familie.

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3 Antworten zu „It’s the form, stupid!“? – Mosebachs Argument dafür

  1. Tarquinius schreibt:

    Vielen Dank für diesen erhellenden Beitrag aus einer etwas anderen Warte! Dass es allein schon bei den Begrifflichkeiten furchtbar hapert und demnach alle Schlussfolgerungen Klarheit vermissen lassen, schwante mir bereits. Über die Veränderung der Form am Beispiel der Kollekten damals vs. heute und die damit verbundene Änderung im Gehalt wollte ich eigentlich schon seit Monaten etwas schreiben – vielleicht kann ich mich nun mal dazu motivieren, wenngleich es mir natürlich an Clamorme’scher Virtuosität und Geschliffenheit der… naja, eben Form nach fehlt.

  2. Pingback: Thomas von Aquin hatte AIDS | Geistbraus

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