Wie Held Martin durch eine böse blöde Frage unterging

Sankt Martin war ein guter Mann. Einer der besten.  Die Kinder mochten ihn alle. Man sah ihn durch das Gewölbe der Finsternis der von leuchtenden Sternen gefaßten Nacht reiten; oder man hörte zuerst das schnelle Hufgetrappel durch zähen Nebelschleier näherkommen, bevor er wie ein Geist hindurchschien; oder er galoppierte stoisch dem klirrenden Wind trotzend, aufrecht, stolz, tapfer. Auf einem Rappen oder einem Schimmel. Er war ein Edler, ein Ritter, ein guter Soldat.

Und dann war da dieser Mann, draußen vor den Toren, mit löchrigen Lumpen angetan, oder gar ganz nackt. Bitterarn, bettelarm. Vielleicht hatte man ihn auch verjagt, weil er etwas angestellt hatte, vielleicht war ein Landstreicher-  Jedenfalls hörte man seine Zähne klappern, seine Not wimmerte gegen das Tosen des nächtlichen Sturms mitten ins Herz.

Wer er auch immer war, warum er auch hier draußen litt, er war das Bild, die Personifizierung größten Elends für ein kindliches Gemüt. Nachts, allein, frierend. Und Martin sah ihn vor sich und sprang vom hohen Roß und trat vor ihn. Er riß sich den Mantel vom Leibe und zückte sein blitzendes Schwert, zerteile ihn mit einem Hieb und hüllte den Armen ein. Vielleicht schenkte er dem Unglücklichen einige tröstende Worte und erbat Gottes segen für ihn. Oder sagte ihm, wo er am nächsten Tag Obdach finden könne. Dann sprang er wieder auf das schnaubende Pferd und galoppierte weiter, um seine Mission zu erfüllen. Martin war tagsüber erst Offizier, dann Bischof, aber  jede Nacht ritt er durch ein einsames Abenteuer, furchtlos, unerschrocken, voller Gottvertrauen. Und immer wieder traf er auf jemand, an dem ein Werk zu vollbringen war. Das war unser Martin. Ein reiner Mythos, und doch real, aus Fleich und Blut, mit einem Gesicht.

Das Unheil begann, als einmal bei einem Kind die Frage aufkam, wie er denn den Mantel geteilt habe. Längs oder quer. Das sind die krummen Gedanken. Und wehe sie befeuern die Vorstellungskraft! Zu spät. Da sah man den Bettler und Martin vor sich, der eine links, der andere rechts bekleidet. Oder der eine gürtete sich die untere Hälfte wie einen Lendenschurz, und der andere war unten nackt und bloß. Absurd war das, lächerlich! Einer kam auf die Idee, Martin habe das Futter herausgetrennt. Mit dem Schwert? Ein altkluges Mädchen wußte die Antwort, es war ein anderer Mantel als unsere, ein langer Wickelstoff, den er mittling durchhieb. Ja, das machte Sinn. Es war nicht schlimm, daß sie es wußte. Schlimm war, daß diese elende, sinnlose Frage je gestellt wurde. Dieses so unnütze, belanglose Detail hatte sich eingebrannt, und immer sah man nun diesen albernen Vorgang des Mantelteilens auf diese Art vor sich. Nackter, zerlumpter als der Bettler wurde Martin dadurch, unerträglich normal. Irgendwer. Wo einst ein Ritter und ein Pferd vom Geheimnis der Nacht verhüllt durch Mysterien ritten, ein kauernder Elender ihren Weg kreuzte, und der Edle half, mit einem Sprung, mit einem Ruck, mit enem Hieb, der dann sogleich ins Verborgene weiterritt, war nun ein netter, gewöhnlicher hilfsbereiter Kerl im Bild, der nichts mehr anderes tat, als Mäntel zu portionieren. Er war kein Held mehr, sondern eine Metapher, kein Mann der Tat mehr, sondern eine Funktion, kein Edelmann, sondern Mitarbeiter einer Lumpensammlung für Bedürftige.

Wegen einer blöden Frage! Ich weiß nicht mehr, wer sie stellte. Für eine gewisse Art  Theologie hat er sein Talent jedenfalls schon damals bewiesen. Ich bin drüber hinweg. Martin,. der Ritter ist wieder unterwegs, Nacht für Nacht, und verbringt unglaubliche Taten!

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