Ich bin nicht Charlie, Du, er, sie, es, ihr erst recht nicht.

Ich bin nicht „Charlie“, schon allein, weil ich diese alberne Marotte, sich anderer Identitäten ans Revers zu heften, um Mitgefühl oder Beistand auszudrücken, milde gesagt, nicht mag. Und ich bin nicht „Charlie“, weil ich weder die politischen Ansichten geschweige denn den grobschlächtigen, mitunter gewollt beleidigenden Stil solcher Art Satire nicht mag.

Ich bin jedenfalls nicht „Charlie“ und dennoch empört und entsetzt über den Mord an den Redakteuren und Zeichnern, den Polizisten, des Putzmanns, den jüdischen Geiseln.

Auch in Deutschland sagen jetzt viele „Ich bin Charlie“. Auch viele Journalisten. Besteht Zweifel, was die meisten von denen geschrie(b)en hätten, wenn letzten Montag, vor den Pariser Morden, auf den „Gida“- Demos die Leute mit den Karikaturen Charlie Hebdos rumgewedelt hätten? Nein, die Antwort ist klar: man hätte beide, Demonstranten wie Charlie Hebdo – Zeichner, als haßerfüllte, dumpfe Muslimfeinde dargestellt. Und werden all diese „Charlies“ nun Beifall klatschen, wenn das nun -von mir aus hoffentlich nicht!- passiert? Natürlich nicht. Man muß solche dümmlichen Provokationen auch nicht goutieren. Aber dann soll man gefälligst auch nicht sagen „Je suis Charlie“. Schon gar nicht diejenigen, deren Beitrag zur Verteidigung der Meinungsfreiheit darin besteht, zum Beispiel verhinderte Lesungen mißliebiger Schriftsteller zu bejubeln oder Stadtverwaltungen die mitunter widerrechtlich halbstaatliche Demos inszenieren und mit Gratiskonzerten sponsern.

Aber auch echte Charlies liefern Kapriolen und beweisen, daß selbst bei Profis die unfreiwilligen Satiren oft die besseren sind: ein Mitgründer Charlie Hebdos ließ gestern sinngemäß wissen, daß Rechte a) nicht um die Opfer der Attentate trauern dürfen und b) daß das Recht, mit Mohamedkarikaturen Muslime zu kränken ohnehin nicht allen zustünde. Die mit der religiös angemaßten License to kill wird’s jedenfalls amüsieren, daß Freunde ihrer Opfer auf einer License to offend bestehen. Da hat der Leipziger Bürgermeister friedensstiftend neuem Zwist lieber gleich den Boden entzogen, indem er vorgestern Demostranten die Werke Charlies zu zeigen einfach verbot, wegen Charlie und Paris oder so, dann hob er das Verbot wieder auf, wegen Charlie und Meinungsfreiheit oder so. Leipzig Dada.

Auch auf Twitter tobte noch mitten im Kugelhagel ein Schwall von Mahnern, deren Hauptsorge nicht die brutalen Taten und ihre bedauernswerten Opfer waren, sondern ein möglicher Mißbrauch durch Rechtsextreme und Rassisten -frei von jeder Einsicht, daß auch ihr eigenes Tun einen Mißbrauch des Blutbades von Paris darstellt und zwar ganz manifest. Allen Ernstes: nicht die Hoffnung, daß es keine weiteren Anschläge und Opfer gebe oder daß man die Täter und später ihre gesamte Unterstützerszene stoppen könne, die im selbigen Irrgeist in der nigerianischen Stadt Baga gerade 2000 Menschen an einem Tag abgeschlachtet hatten, nein, die Sorge, daß gewisse deutsche Demos Zulauf bekommen könnten, die sie als rassistisch einstufen, davon floß ihnen der Mund über. Daß tags drauf ein erwiesener Rassist im Namen seiner religiös verbrämten Herrenrasssenideologie mit Endsiegphantasien in einem Supermarkt in Paris jüdische Geiseln erschoß, weil sie Juden waren, änderte daran nichts. Auch hochrangige deutsche Politiker entblödeten sich angesichts dessen nicht, erneut zu Demos gegen Islamkritik aufzurufen, und das im Namen Charlies. Angesichts dessen verwundert nicht, daß ein Redaktionsmitglied der Zeitschrift die ganzen neuen Charlies „zum kotzen“ findet.

Es verbietet sich, die Karikaturen Charlie Hebdos als irgendwie mitursächlich für die Morde von Paris zu sehen. Die Killer brauchen keinen Grund. Sie töteten auch nicht, um ihren „Propheten zu rächen“, sondern um Popstars zu werden unter ihresgleichen. Es reicht ihnen, daß andere anders sind als sie. Sie greifen nicht, wie nun behauptet wird, explizit die „offenen Gesellschaften“ an, sie greifen alles und alle an, was nicht ihrer Ideologie entspricht und sich ihr nicht beugt, auch Muslime. Das beweisen sie fast täglich mit den Blutorgien im Nahen Osten und in Afrika. Und auch die toten jüdischen Geiseln von Paris zeichneten keine Karikaturen von jenem Mann, den ihr Mörder für seinen Propheten hält. Zuvor verließen 7000 Juden allein 2014 das Land, das Spektrum der Übergriffe gegen sie umfaße Morde, Überfälle, Vergewaltigung und tägliches verbales Spießrutenlaufen. Die Hälfte rassistischer Übergriffe in Frankreich richtete sich gegen sie und das bei einem Prozent Bevölkerungsanteil. Die Täter sind fast alle Muslime. Erstmals seit der Hitlerbesatzung fanden in Synagogen keine Sabbathfeiern statt. Ein deutscher Minister besucht darauf erstmal solidarisch eine Moschee. Das geht jetzt nicht gegen Muslime, sondern gegen den Minister wohlgemerkt!

Aber in manche Hirne geht es nicht rein, daß Rassisten nicht unbedingt weiß und rechtsradikal sein müssen und daß auch der Rassismus bunt ist. Genau so wenig, daß der Islam an sich eben nicht friedlich ist, sondern der Dschihad auch sehr wohl als Kampf gegen alle „Ungläubigen“ ausgelegt werden kann. Das reden nicht nur renommierte Islamwissenschaftler gleich welcher eigenen Überzeugung leider in den Wind, vor allem aber zeigt es die Realität täglich. Und es ist die Pflicht von Regierungen, sich diesen Tatsachen zu stellen und die Mehrheit der Bevölkerung, die das tut ernstzunehmen, statt sie unter emsiger Hilfe von Teilen der Medien pauschal als dumpfbeutelige, ausländerhassende Naziwiedergänger zu diffamieren. Nur so kann auch vermieden werden, daß sich in der Tat teils dubiose Gestalten des Themas bemächtigen -auch bei den „nopegida“- Demos gibt es übrigens solche- und generell die Kluft zwischen „Eliten“ und „Volk“ nicht noch tiefer wird und letzteres nicht noch weiter per Verdächtigungsindustrie bis hin zur Atomisierung gespalten wird.

Es gibt viele wohlklingende Sprüche für’s Poesiealbum über den Wert und Rang der Meinungsfreiheit. Das wesentliche daran aber ist ganz prosaisch: Meinungsfreiheit ist ein Recht des Individuums gegenüber dem Staat, aber auch gegenüber anderen Individuuen, die sich vom Gebrauch dieser Freiheit gekränkt fühlen. Der tatsächliche oder vermeintliche Konsens von Mehrheiten darf dieses Recht nicht einschränken. Wo die Grenze zur Beleidigung oder gar Hetze überschritten ist, müssen ggf. Richter entscheiden, nicht Parteipolitiker und auch ihnen allzuoft willfährig geneigte Journalisten. Auch der Islam darf, wie jede andere Religion oder Idee Gegenstand öffentlicher Kritik sein. So wie auch Muslime schlicht die selben staatlichen Rechte und Pflichten haben, wie alle anderen auch. Sie sind nichts besonderes. Die französichen Gerichte haben die Klagen gegen die Islamkarikaturen wie auch die von Kirchen gegen andere, negativ beschieden, und damit ist eben das gefordert, was so inflationiert dauernd gepriesen wird: Toleranz. Das gilt ebenso für Demos gegen Islamisierung. Stattdessen in Frankreich: Brandanschläge auf die Redaktion, Morddrohungen, Polizeischutz. Und dann die Morde.

Etwas anderes ist der Gebrauch dieses Rechtes. Ein Christ zumindest sollte prüfen, was ihn antreibt zu sprechen, und er sollte auch vermeiden „so weit es an ihm liegt“, eine Form zu wählen, die andere kränkt und sich auch „gut überlegen, welchem Transparent er hinterherläuft“, wie es Kardinal Marx ausdrückte, ohne sich dabei allerdings von Leuten hemmen zu lassen, die grundsätzlich allergisch auf Ansichten, die nicht ihre sind, beleidigt reagieren . Das freilich, gilt für sämtliche Transparente auch die aller Parteien und NGOs. Aber es gilt auch, daß organisiertes Niederbrüllen und -Pfeifen -Schallen, Blockaden legaler Demos, persönliche Beleidigungen oder gar tätliche Übergriffe gegen Demonstranten und Polizisten alles andere darstellt, als ein Plädoyer für eine friedlich und zivilisiert zusammenlebende heterogene Gesellschaft. Der tut man damit keinen Gefallen und den Muslimen hier auch nicht.

An dieser Stelle möchte ich noch den Journalisten danken, deren Stimmen wohltuend den allmählich beklemmenden Schwall durchdringen. Es waren viele diesmal, quer durch die Presselandschaft. Das läßt hoffen. Ebenso, daß in München gestern dem Getrommle von Stadt, Verbänden und Presse nur 20000 folgten. Dem zumal an diesem Tag völlig deplaciertem Objekt der Empörung erwartungsgemäß auch nur wenig mehr als tausend.

Was, nur 21000 Anständige und Unanständige? Mehr als eine Million Münchner bleibt verdächtig, Ach ja, ich bin einer von ihnen.

Verquatscht. Ihr seid nicht Charlie, ich bin nicht Charlie. Ich bin auch nicht Pegida oder Nopegida. Ich bin traurig über die Opfer des islamistischen Terrors weltweit. Und entsetzt über die dadaistische Tragödie des offiziellen Deutschlands. Es ist wieder beklemmend und peinlich. Ach, wie gern würd ich mich grad fremdschämen.

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Männlich (ohne Disclaimer). In Kürze mehr (ohne Gewähr).
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