Freiheit, Blasphemie und glühende Kohlen

Alexander Kissler wendet sich in seinem neuen „Konter“ im „Cicero“ vehement gegen die Opferung der Freiheit für Freiheitsfeinde und eine aus Reihen der CSU geforderte Verschärfung des Straftatbestandes der Gotteslästerung. Er schließt:

Die westlichen Mehrheitsgesellschaften müssen den unveräußerlichen Kern ihrer Demokratie entschlossener denn je benennen und verteidigen: Ja, liebe Bürger, ihr dürft den Islam gerade so verlassen wie das Christentum, das ist euer gutes Recht. Ja, liebe Bürger, ihr müsst es ertragen, dass viele andere Menschen viele Dinge ganz anders sehen, auch solche Dinge, die euch besonders am Herzen liegen.

Ich bin kein Freund der Blasphemie. Meistens ist sie das Resultat einer intellektuellen Unreife und eines grundlegenden Mangels an Umgangsformen. Auch geistige Pöbelei ist rüpelhaft, Spott ziert keinen Ehrenmann. Doch wenn ich die Wahl habe zwischen einer freien Gesellschaft, in der Spott und Unreife um der Freiheit willen geduldet werden, und einer Gesellschaft, die aus Angst einen islamophilen Schutzwall errichtet und so sich selbst kasteit, dann ist meine Wahl klar: Ich ziehe die freie Gesellschaft mit all ihren Abgründen vor. Lieber setze ich mich in einer freien Gesellschaft für bessere Umgangsformen und bessere Bildung ein, als in einer unfreien Gesellschaft um diese Wahl gebracht zu werden

Dem, wie dem ganzem Artikel, kann ich mich im Kern vollumfänglich anschließen. Etwa anderes wäre noch, sich die Bedeutungsverschiebung der Begriffe „Blasphemie“ und „Gotteskästerung“ vom Mittelalter in die heutige Zeit hin bewußt zu machen. Blogger eumloquator aka „Thomasleser“ hat sich hier die Mühe gemacht. Während Thomas von Aquin den Hauptaspekt tatsächlich auf die Beleidigung Gottes legt, ist heute das Beleidigen von Menschen  durch andere Menschen im Kontext einer Religion im Vorgergrund. In dem lesenswerten Post finden sich noch wichtige andere Klärungen von Unschärfen in der heutigen Verwendung dieser Begriffe.

Wie steht es aber über die Verfaßtheit unserer Gesellschaft hinaus mit den Katholiken, wie sollen wir konkret umgehen mit feindlichen Übergriffen, zu denen auch Spott und Schmähung des Christentums gehören -müssen wir uns alles gefallen lassen? Die Lesung des letzten Sonntag in Usus antiquus belehrt über die christliche Haltung, Paulus sagt in Rom, 12; 16.21:

Vergeltet niemand Böses mit Bösem; …wenn es möglich ist, bleibt, soviel es an euch liegt, mit allen Menschen in Frieden. Rächt euch nicht selbst, sondern überlaßt es dem Zorngericht Gottes… Vielmehr wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen, wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Handelst du so, sammelst du feurige Kohlen auf seinem Haupt. Laß dich nicht vom Bösen überwinden, überwinde du das Böse mit dem Guten.

Das sollte die Maxime sein. Man beachte die gleich doppelte Einschränkung: „wenn es möglich ist“ und „soviel es an euch liegt“. Natürlich, möchte man sagen, gibt es Situationen, wo es sich selbst bei bestem Willen nicht vermeiden läßt. Aber der Spielraum bleibt dennoch ein sehr weiter.

Daran soll einmal erinnert sein, einerseits, weil die heutige Kirche zunehmend dominiert wird von Stimmen, die es als geradezu unchristlich hinstellen, überhaupt Feinde zu haben, sie gar so zu nennen und die das Böse mit der Sünde zusammen am liebsten aus dem Wortschatz streichen würden. So bringt sie uns um eine unserer besten und spezifischsten Tugenden, die Feindesliebe, zu der eben zwingend auch Feinde gehören. Glühende Kohlen? I wo, sind schon intrinsisch schlecht, wegen der Klimabilanz. Nicht mal Gott selbst mehr will man richten lassen. Der Verzicht auf Rächen und Richten, wird gleichgesetzt mit der Aufforderung, nicht mehr wahrzunehmen und klar zu benennen oder gar zu kritisieren. Paulus, das ganze NT sagt aber etwas anderes: wir sollen nicht unsere Natur verleugnen und kastrieren, und als zahnlose Allesgutfinder jeden und alles ankuscheln, sondern sie und unser Verhalten im Zaum halten. Das Gegenstück des geforderten Verzichts darauf, sich an Gottes Statt zum Richter aufzuschwingen ist nicht gefühlsduseliges Geschwebe in rosarotem Kunstnebel. Nicht richten, nicht „böses mit bösem vergelten“ heißt nicht, sich nicht wehren zu dürfen, oder das Böse zu relativieren oder gar zu ignorieren.

Zum anderen sei es auch jenen Christen gesagt, die, mir ungegreiflicherweise, das von Kissler kristisierte Verständnis für die Mörder von Paris und anderswo  wegen der Karikaturen Chalie Hebdos äußern.  Und auch schon denen, die meinen, Theateraufführungen stören zu müssen oder nach Verboten rufen, wegen vermeintlicher oder auch tatsächlicher Blasphemie. Bitte dran denken: jeder kann sich durch irgendwas bei fast allem beleidigt oder gekränkt fühlen. Und wenn dies durch Kunst geschieht, die staatlich subventioniert wird, dann gebt auch ihr diesen Leuten durch die Steuern zu essen und zu trinken, und sammelt…. genau.

 

Über clamormeus

Männlich (ohne Disclaimer). In Kürze mehr (ohne Gewähr).
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Tagesgedanken abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Freiheit, Blasphemie und glühende Kohlen

  1. Pingback: Wochenendlektüre 31.01./01.02.2015 | PTB - PAPSTTREUERBLOG

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s