Krone der Schöpfung

Letzten Freitag begann ich, erste Gedanken, die beim kurzen Überfliegen der tags zuvor veröffentlichten Enzyklika aufdrängten, zu skizzieren. Als Arbeitstitel wählte ich „Laudato Si‘ und die toten Pferde von Waterloo“. Die letzte Schlacht des Tyrannen Napoleon Bonaparte jährte sich letzten Donnerstag zum 200. Mal. Diese Schlacht war gewiß eine historisch bedeutende. Wohl eine der letzten dieser Art, zu der man auf Rossen galoppierte und nicht in Panzern anrollte. 100 Jahre später bereits durchlebte Ernst Jünger das, was er „In Stahlgewittern“ schreibend zu bewältigen versuchte. Und nicht nur der Krieg, die ganze europäische und amerikanische Sphäre wurde von einer eine rasenden Revolution der Technisierung überrollt. Und zuallererst der Mensch. Viele sprachen vom Ende des 1. Weltkriegs als dem Ende der alten Welt. Erst in den letzten zwei, drei Jahrhunderten also begannen die Frevel gegen die Ordnungen der Schöpfung und der Natur. Soviel (oder sowenig) vorab, ich bin nicht der Ansicht, daß kaltes funktionales organisiertes Technokratendenken, das imho Hauptteil des Problems war und ist, jemals Teil der Lösung sein kann. Und der Fokus hier wird auf dem liegen , was Papst Benedikt XVI. eine „Ökologie des Menschen nannte.

Da der Versuch jetzt schon zu lang für einen Blogpost ist, kam mir der Einfall, dann und wann ein paar kurze Skizzen zu posten, zwar fortlaufend numeriert aber oft nur assoziativ miteinander verbunden, eine Art making of eines work in progress also, oder auch „My own private encyclica ;-). Mit Bitte um Geduld. Kommentare sind herzlich willkommen.

1
„Laudato Si“, ist ein Anruf aus dem CANTICUM FRATRIS SOLIS VEL LAUDES CREATURARUM (mit Sonnengesang oder Lob der Schöpfung übersetzt des Heiligen Franz von sssisi. Er preist darin alle lebenden Geschöpfe, die Elemente Feuer und Wasser, sowie die Gestirne, im Titel den Bruder Sonne. Besonders aber den Schöpfer selbst. Die letzten drei Strophen lauten:

Gelobt seist du, mein Herr, durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen
und Krankheit ertragen und Drangsal.
Selig jene, die solches ertragen in Frieden, denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt werden.

Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, den leiblichen Tod;
ihm kann kein lebender Mensch entrinnen.
Wehe jenen, die in schwerer Sünde sterben.
Selig jene, die sich in deinem heiligsten Willen finden,
denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.

Lobt und preist meinen Herrn
und sagt ihm Dank und dient ihm mit großer Demut.

Wenn der Heilige den Gesang der Vögel als Lobpreis des Schöpfers hörte und feierte, oder ihn nachts den Lauf des Mondes, so wurde dies in seinen Sinnen, in seinem Herzen und seinem Geiste erst dazu. Dies aber ist maßloser Anthropozentrismus im allerbesten Sinne: der eines auf Gott gerichteten Menschen, der die Gnade erfährt, die Werke der Schöpfung mit einem Abglanz der maßlosen Liebe und dem Staunen des Schöpfers selbst betrachten und feiern zu dürfen.

Die zwitschernde Amsel und die gurrende Taube neben ihm wußten rein gar nichts von solchen Dingen wie auch der glänzende Mond über ihm dumm wie eben der Mond war.
Das Tier ist nach katholischer Auffassung heilig. Im tiefsten unverwundbar, da nicht erlösungsbedürftig. Aber es ist kein Götze, wie in manchen heidnischen Religionen, den man anbeten darf. Und das tat Franz auch nicht. Er feierte im Lobpreis der Geschöpfe und Werke den Schöpfer.
Allerdings wurde Franz von Assisi in seinem Lobpreis auch nicht albern sentimental: den Stich eines süß schwirrenden Moskitos zum Beispiel hat er meines Wissens nirgends besungen.

2
Man male sich einmal das Bild aus: der Heilige wandelt oder rastet in einer bezaubernden Landschaft, die Sonne geht auf, Fauna und Flora erwachen, er läßt sich an einer Quelle nieder, betet. Sein Herz quillt über vor Freude im Licht des jungen Morgens.
Doch plötzlich zittert die Erde unter ihm, ein infernalischer Lärm nähert sich. Die Rehe springen panisch ins nächste Gehölz, die Vögel flattern unter Angstschreien auf. Der Heilige fleht erschrocken zum Herrn oder den Erzengel Michael an, dann kommt etwas näher, ein großes, metallglänzendes Ungeheuer. Nein, es ist kein Drache, nicht das unbekannte Tier, es ist ein Mähdrescher.

Wenn wir heutzutage versuchen, einen Abglanz der Schönheit der Schöpfung einzuatmen, ist also weit mehr von uns gefordert als von empfänglichen Naturen früherer Zeiten. Mögen wir uns auch kurz versenken können in das himmlische Farbenspiel einer Dämmerung, uns in der duftenden Brise des Frühlingswindes wiegen oder über das Wunder einer sich öffnenden Blüte staunen: der nächste Helikopter, der nächste Strommast, der nächste Nordic Walker in neonfarbenen Dress kommt so sicher wie der nächste Handyton. Und selbst, falls wir mal tief genug in einen Wald jenseits von Flugschneisen und Windrädern geflohen sind, verhöhnt uns mitunter ein Gelbspötter, der einen solchen Klingelton imitiert.

Nicht nur der Heilige Franz war davor noch bewahrt. Alle Generationen vor ihm und noch sehr viele nach ihm waren es auch. Es hätte damals schon eines besonders griesgrämigen Naturells bedurft, um sich der Schönheit der Schöpfung nicht zu erfreuen. Und all diese hatten ein rechtes Verhältnis zur Natur. Es bedarf also keines „neuen Menschen“ dazu. Und auch der dankende Lobpreis an den Schöpfer war nicht neu. Franz unterschied sich von anderen eher durch die Intensität seines Empfindens und Glaubens. Ihn als prophetischen Mahner einer der Schöpfung kaltherzig gegenüberstehenden Menschheit zu stilisieren, greift völlig daneben. Er war ein Poet, eine Stimme dessen, was die meisten empfanden. Und das war kein Kunststück in jenen langen maschinenfreien Zeiten, egal, welch widrige Fährnisse und Härten sonst im Leben der Einzelnen zu bewältigen und zu erdulden waren.

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