Kommt er wieder?

Auch mir fehlen gerade oft die rechten Worte, zu dem, was in der Welt geschieht und in diesem Land. Ich werde sie hoffentlich bald finden und verweise für jetzt auf einen Post von Pfarrer Alipius, einen zum Ausdrucken und Pinnen, wenn man so will. Er trifft das Wesentliche meiner Gemütslage Hier klicken.

Für heute von mir einen Schwank aus meinem Leben:

Die Beichte stand zwar schon länger an, aber heute morgen hatte ich nicht mit ihr gerechnet. Die Vorabendvorsätze, heute auszuschlafen und in eine spätere Messe zu gehen als gewöhnlich wurde dann aber durchkreuzt von einem spontanen Erwachen früh am Morgen. Der zweite Gedanke des Tages war: wenn du schon auf bist, geh doch jetzt beichten. Katzenwäsche, Griff zur Kleidung, Aufbruch in den blauen, warmen aber noch nicht drückenden Sommermorgen. Unterwegs Konzentration auf das gleich im Beichtsstuhl zu sagende, mit den üblichen Anfällen des Zweifels. Mit der Zeit weiß man es einfach, es hat immer jemand etwas dagegen, daß man bekennt und um Lossprechung bittet, und es ist immer derselbe. Er versucht’s einem auszureden: mit Räsonieren, Infragestellen, Höhnen, Beschwichtigen, Locken. Das gehört dazu. Es kann ja nicht anders sein. Nur, wenn ich kein Sünder wäre. Aber dann wäre ich ja auch nicht unterwegs zum Beichten.

Ich erreiche die Kirche.  Ich suche in München gern diesen betagten, von Liebe und Lebensweisheit durchtränkten Beichtvater auf. Fünf andere warten vor mir vor dem Beichtstuhl. In fünf Minuten beginnt hier die Pfarrmesse. Oft wäre es so, daß ich der erste sein würde, der ein oder zwei Minuten nach der Glocke versäumte. Aber dieser Priester läßt sich Zeit. Er ist dabei alles andere als weitschweifig.

Ich nehme also wartend an der Messe teil, ich rechne hoch, daß ich irgendwann zwischen Evangelium und Credo drankomme. Alle paar Minuten bewegt sich die kleine Prozession, die hinter mir anwächst, einen Schritt weiter. Gloria, Hallelujah, Credo, Präfation, Agnus Dei. Jeder gewährt einen anderen Einblick ins Schiff und den Altarraum und die unzähligen Kleinodien hier, die von Kampf und Triumph, von Scheitern und Wiederaufstehen, von Martyrium und Gnade zeugen. Kein scheeler Blick aus den Bänken auf das Häuflein der Harrenden. Wohl jeder hier steht immer wieder einmal an dieser Stelle. Die letzten Versuchungen, vielleicht doch später anderswo zu beichten oder nächste Woche verfliegen im Singen der Choräle und Respensorien. Die Mitfeier des Meßopfers und der Danksagung gewinnen die Oberhand, keine Gedanken mehr daran, wie ich es gleich sagen werde. Der Wille das Sakrament der Versöhnung zu erlangen, die Feier der Danksagung, das Gewahrsein der Vorderen, alles durchdringt sich jetzt zu der einen einzigen Orante, wies Claudel nannte, streitende, büßende und triumphierende Kirche vereinen sich.

Beim Agnus Dei schließlich verläßt die letzte Poenitentin vor mir in der kleinen Schlange den Beichtstuhl. Ich will schon ansetzen, da öffnet sich die Mitteltür, und der Priester kommt heraus, legt die violette Stola ab, legt sich eine grüne um, und geht einige Schritte Richtung Altar. Einen Moment fürchte ich, vergebens gewartet zu haben, da dreht er sich um und flüstert: „Ich komme wieder“. Er unterstützt den Zelebranten bei der Kommunionsspendung. Ein Finger tippt schüchtern von hinten auf meine Schulter. Die Dame hinter mir fragt: „Kommt er wieder?“ Ja, sage ich, er kommt wieder. Sie lächelt zufrieden. Derselbe Dialog ereignet sich noch zweimal gewispert hinter mir. Kommt er wieder? Ja, er kommt wieder.

Der Priester kehrt zurück vom Seitenaltar, wechselt erneut die Stolen und ich trete ein. Ich bekenne, und es ist wie immer. Ein bißchen um Wahrhaftigkeit kämpfen muß man bei den banaler erscheinenden Sünden, den Ameisen- und Heuschreckenplagen. Das gelegentliche Einknicken vor brüllenden Löwen und Wüstenstürmen gesteht sich leichter. Hier steht Dramatik gegen Dramatik. Dort die jedem mehr oder weniger eigene schäbige Kleinlichkeit, die den Stolz weitaus mehr verletzt. Jedenfalls meinen. Ja, man war, ist und bleibt Sünder, aber doch hilft die göttliche Gnade, voranzuschreiten.

Das Volk draußen schmettert lauthals „Ich will Dich lieben, meine Stärke“, ich muß das Ohr ans Gitter pressen, damit ich jedes Wort verstehe. Es geschieht das mir jedesmal auf’s Neue unbegreifliche. Es ist nicht mehr Priester, der zu mir spricht und die bedrückte Seele jauchzt leise in klarer, heller Freude über das Mysterium. Mein Jesus, Barmherzigkeit. Die Absolution fällt zusammen mit dem Segen der Patrona Bavariae draußen.

Ich trete nach draußen, verrichte meine kleine Buße und sage Dank, während die Gläubigen das Kirchenschiff allmählich verlassen.  Es ist alles wahr. Jedem, der um Vergebung bittet, wird sie erhalten. Das Joch Christi ist leicht. Und seine Kirche war immer die Herberge der Heilung. Und ist es noch, wo man den Glauben ernst nimmtMöge man von einzelnen Katholiken mehr Liebe fordern, das ist berechtigt, wir sind eine Gemeinschaft der Sünder. Wer von der Kirche dagegen mehr Barmherzigkeit fordert, hat diesbezüglich nichts begriffen, mehr Barmherzigkeit geht nicht. Sie ist die heilige Stiftung Christi Barmherzigkeit. Und jedem reuig Flehenden wird Vergebung geschenkt. Sie ist nicht der Ort des Verhandelns darüber was Sünde ist.

Kommt er wieder? Ja, er kommt wieder.

Über clamormeus

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8 Antworten zu Kommt er wieder?

  1. Claudia Sperlich schreibt:

    Ja, eindeutig ja!
    Nur – das, was mir die Kirche zur Zeit schwierig macht, ist eben nicht die Beichte. Sondern die kleinen und großen Gemeinheiten in der Gemeinde. Nicht die Großzügigkeit, sondern die Kleingeisterei. Nicht die große, heilige, ewige Kirche, sondern die kleinspießige örtliche Gemeinde, bei der ich so oft den Blick verliere dafür, daß 1. ich auch dazugehöre und 2. sie Leib Christi ist, egal wie viele Wilmersdorfer Witwen in ihr zugange sind.

    • clamormeus schreibt:

      Erstmal willkommen hier!

      Ja, da stimmst Du ein garstig Lied an, könnte selbst die ein oder andere Strophe beisteuern, ganz ohne Wilmersdorfer Witwen . Das kann schon zehren und prüfen, wenn es überhand nimmt, kenne ich.
      In meiner Stammkirche gibt es Deo gratias aber auch viel sehr erfreulich andere(s), zumehmend, auch weil sich der Altersschnitt seit einem Jahr sonntags halbiert und Zahl der Gläubigen verdoppelt hat.
      Generell sind in den schönen, gut besuchten Innenstadtskirchen hier die Gemeindestrukturen nicht sonderlich ausgeprägt, da die Leute aus der ganzen Stadt und aus dem Umland kommen, das macht es den Kleingeistern schwerer.

      Hm, ist es irgendwo in der Nachbarschaft bei Dir besser? Luftveränderung wirkt oft Wunder.

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  3. Tarquinius schreibt:

    Dieser Beitrag wäre mir reisebedingt ja beinahe durch die Lappen gegangen. Ich sage nur: Chapeau!

  4. theresia_viasvitae schreibt:

    Der Beitrag ist zwar nicht mehr ganz neu, aber ich komme erst jetzt dazu, über den Sommer Verpasstes nachzulesen und kann jetzt nicht anders als zu danken für diesen Beitrag, von dem ich gerade absolut gefesselt war! Diese Sprache! Diese Worte! Was für ein wundervolles Zeugnis!

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