Rorate

Kurz nach sechs morgens aufbrechen, nachdem man nicht gerade zu früh dafür zu Bett ging, zehn Minuten später in einer U-Bahn sitzend, die Verspätung hat, unter Dutzenden, die mutmaßlich zur Arbeit gerollt werden. Deren Antlitz sagt: ich hatte vielleicht schon einen Schluck Kaffee im Gegensatz zu Dir, aber ich weiß auch nicht, wie ich ich in ein paar mehr oder weniger Minuten wieder der Kollege, die Kollegin XY werden soll,ich weiß auch nicht, warum es noch immer gut gegangen ist. Doch, das ist Gottvertrauen. Am erwählten Haltepunkt in der Röhre ankommend, eine Uhr zeigt 6:29 an, die Rolltreppe hochhastend. Eine junge Frau und ein Herr in den Sechzigern vor mir tun dasselbe. Ich überhole sie kurz vor dem Ende des langen Fließbands.
Und 30, 40 Schritte später weiß ich, daß ich die erste Dummheit des Tages begangen habe, vielleicht sogar die Sünde des Hochmuts. O mei, dachte ich noch beim auf dem Fließband aus dem Hades hochhastend, die sind spät dran zu ihrer Arbeit, und ich will die Messe rechtzeitig erreichen. Und jetzt sind die beiden, wo ich das Kirchenportal öffne, unmittelbar hinter mir. Klar halte ich ihnen die Tür auf, überlasse ihnen den Vortritt. Beide lächeln nicht, sagen nicht danke, ihnen war klar, daß ich dasselbe Ziel und Ansinnen zu eilen hatte. Unsere Finger dann gleichzeitig im Weihwasserbecken.
In der italienistischen Kirche außerhalb Italiens brennen hunderte Kerzen, kein anderes Licht. So viele sind hier, fast wie in einer Sonntagsmesse. Und eine Harfe spielt. Der Zelebrant läßt das Mikrophon ausgeschaltet.
O Heiland, reiß die Himmel auf am Ende. Ja, die Kirche kann, wenn sie will. Und draußen geht dann die schnelle Dämmerung in den baldigen Sonnenaufgang über. Ja, ich habe wieder eine Ahnung, was ein Morgen, ein Anfang, was ein Tag ist.
Früh aufstehen allein reicht nicht. Und länger schlafen ist auch keine Lösung.

Über clamormeus

Männlich (ohne Disclaimer). In Kürze mehr (ohne Gewähr).
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4 Antworten zu Rorate

  1. Cinderella01 schreibt:

    Wunderbar – danke dafür. Das motiviert mich für’s nächste Jahr – auch wenn ich mir gar nicht vorstellen kann, jemals so früh aufzustehen …

  2. Clara Franz schreibt:

    In unserer übergroßen SE gab es nur ganz vereinzelt eine Rorate-Messe und ausgerechnet da war es mir nicht möglich, hinzugehen.

    Aber eigentlich bin ich aus ganz anderen Gründen hier, lieber Clamormeus.
    Ich wünsche Ihnen alles Gute und tiefe Erfahrungen der Nähe Gottes, besonders in
    der hl. Nacht sowie ein reich gesegnetes Jahr 2016.

  3. clamormeus schreibt:

    Dank Ihnen Clara für den lieben Gruß. Auch Ihnen in diesem Sinne gesegnete Weihnachten und ein gutes Neues!

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